Wo für die Freiheit Blut geflossen ist
Aktualisiert: 1. Sept.
Wolfgang Braun, September 2026; dritte, überarbeitete Version [1]
Ein zerstörter Traun – ein zerstörtes Niederbühl
![]() | Bei einem Spaziergang von Niederbühl über das Dörfel und den Rohrer Steg Richtung Rastatts Innenstadt lohnt es sich, bei der Badner Halle bei dem von Rastatts Künstler Michael Wollensack geschaffen Denkmal inne zu halten. Es erinnert an Menschen, die in der Vergangenheit für die freiheitlich demokratische Grundordnung kämpften. Die drei Grundelemente des Denkmals sind Mauern als Symbol für Gewalt, Unterdrückung und Trennung, eine Feder als Zeichen des geschriebenen Wortes, die ebendiese Mauer aufbricht, und 48 Kugeln als Erinnerung an die revolutionären Vorgänge 1848/49. |
Tanz um den Freiheitsbaum
Mit dieser Überschrift gehen die Gedanken zurück an den 26. Juni 1974, als der damalige Bundespräsident Gustav Heinemann bei der Eröffnung der
„Rastatter Erinnerungsstätte für die Freiheitsbewegungen in der Deutschen Geschichte …“
im Rastatter Schloss u. a. folg. Worte sprach:
„Die Demokratie ist nicht vom Himmel gefallen, sie ist nichts Statisches, sondern muss sich immer wieder an gesellschaftliche Veränderungen anpassen. Sie ist darauf angewiesen, dass sich Menschen engagieren, nicht nur schimpfen, sondern handeln.“
Um die Freiheitsbewegungen und den Kampf um die Demokratie zu verstehen, müssen wir einen Blick zurück in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts werfen.
Deutschland im Sinne eines geeinten Nationalstaates gab es damals noch nicht. Vielmehr bildeten 35 Einzelstaaten, die von den jeweiligen Landesfürsten regiert wurden und vier freie Städte den sogenannten deutschen Bund, dem auch das Großherzogtum Baden angehörte.
Inspiriert von den Ideen der Französischen Revolution entwickelten sich in Baden und weiteren deutschen Ländern Bestrebungen, bestehende feudale Strukturen in Frage zu stellen und sich gegen die jeweiligen Obrigkeiten aufzulehnen. So war es z. B. verboten, nach französischem Vorbild Freiheitsbäume aufzustellen und darum herum zu tanzen. Aber trotz – oder vielleicht auch wegen des Verbots – kam das Stellen von Freiheitsbäumen immer mehr „in Mode“.

Ist Ihnen bekannt, dass das deutsche Originalbild aus dem Jahr 1792 im Innenhof des Rastatter Freiheitsmuseums hängt und den Idealen der Französischen Revolution, Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit gewidnmet ist? |
1832 wurde auf dem Hambacher Fest der Ruf nach nationaler Einheit, Meinungs-, Presse- und Versammlungsfreiheit sowie die Gleichberechtigung von Frauen und Männern deutlich formuliert. In der Folge davon kam es vor allem in Baden vermehrt zu Unruhen und Aufständen, die 1848 ihre Höhepunkte im Heckeraufstand und im Struve-Putsch fanden.
Diese Standhaftigkeit der Freiheitskämpfer gegen die Fürstenherrschaft fand auch in Rastatt und Niederbühl ihr jähes Ende, als im Jahre 1849 großherzogliche- und preußische Truppen den Traum von Freiheit jäh beendeten. |
Folgende colorierte Zeichnung zeigt die Niederlegung der Waffen der Revolutionstruppen nach dreiwöchiger Belagerung am 23. Juli 1849 vor dem Rastatter Schloss. [2]

Zurück blieben ein zerstörter Traum und ein zerstörtes Dorf.
In der Endphase der Badischen Revolution wurde ab Ende Juni 1849 die Rastatter Festung von preußischen Truppen eingeschlossen und beschossen. Als Verzweiflungstat unternahmen etwa 1.000 Aufständische einen Ausfall in Richtung Rauental, wo sie mit preußischen Infanterieregimentern in erbitterte Kämpfe gerieten.
![]() | Rund um Niederbühl wurde verbissen gekämpft. Das Dorf lag genau zwischen der Festung und dem Belagerungsring der preußischen Truppen hinter dem damaligen Bahndamm (Nähe der Pyramide in Richtung Kuppenheim) und geriet so von beiden Seiten in die unmittelbare Schusslinie. Schließlich wurde der Ort durch die Artillerie der Leopoldsfeste zu großen Teilen in Schutt und Asche gelegt. Infolge des Beschusses wurden zwanzig Wohnhäuser, einige Scheunen und das Rathaus ein Raub der Flammen. Auch die gerade erst 50 Jahre alte Dorfkirche brannte komplett aus. |
Für Niederbühl war jener 8. Juli ein wahrhaft "Schwarzer Tag."
Dem folgenden Textauszug von F. W. Hackländer, einer der im 19. Jahrhundert am meisten gelesenen Schriftsteller, ist wohl wenig hinzuzufügen. [4]
„Niederbühl sah schauerlich aus. Fast ein Drittel der Häuser trug Spuren des Brandes, welcher teils durch die glühenden Kugeln aus der Festung, teils von den Insurgenten (Freischärler) … hervorgebracht wurden. Auch war ein großer Teil der Häuser und Scheunen durch hineinschlagende Bomben und Bollkugeln furchtbar zerstört. … Es war schon während der Erbauung der Festung ernstlich die Rede davon, das Dorf Niederbühl zu verlegen. Die Einwohner waren mit ihren Habseligkeiten geflohen, und so lagen die reinlichen netten Häuser in einer beängstigenden Stille da. … Am schlimmsten war die Kirche mitgenommen. Die Spitze des Turmes herabgebrannt und das Dach des Kirchenschiffes so vollständig eingestürzt, dass nichts mehr stehen blieb, als die nackten vier Mauern.“
Ein trauriges Überbleibsel des Kampfes zwischen den Revolutionären und den „Preußen“ steckt im wahrsten Sinne des Wortes noch heute in einem Haus an der Hans-Thoma-Straße: Eine Kanonenkugel. | ![]() |
![]() | Das steinerne pyramidenförmige Denkmal an der Straße zwischen Niederbühl und Kuppenheim erinnert an die Soldaten des 20. Königlich- Preussischen Inf. Regimentes, die am 8. Juli 1849 bei der Niederschlagung der Revolution gefallen sind. |
170 Jahre danach erstaunt es, wie viele überregionale Zeitungen sich damals mit den Geschehnissen in Niederbühl ausführlich befassten. Im Oktober 1849, also rund acht Wochen nach dem Gefecht, veröffentlichte die Illustrierte Zeitung in Leipzig die Zeichnung von Friedrich Kaiser [*1815, †1890], einem Maler und Graphiker, der auch Berichterstatter der Bundestruppen war.
Fünf kämpfende Soldaten stehen am Rande eines Kornfeldes. Einer feuert gerade sein Gewehr ab, während ein zweiter gebannt in die Schussrichtung schaut. Die Gegner sind unsichtbar, wohl aber erkennt man Kuppenheims Kirchturm, den Merkur und Eberstein Burg. [4] | ![]() |
![]() | Das Aquarell: „Das zerstörte Dorf“ [5] stammt ebenfalls von Friedrich Kaiser und wurde in der „Illustrierte(n) Zeitung“ publiziert. |
Hier ein wörtlicher Auszug aus der „Allgemeine(n) Zeitung München“ des Jahres 1851 [6]
„ … die zerschossenen Häuser des armen Dörfchens Niederbühl sind noch nicht wieder vollkommen aufgebaut, und der Turm seiner Kirche mit niedergebranntem Dach und leeren Fensterbohlen sieht uns traurig an ... An dem Damm (gemeint ist der Bahndamm, der an der Förcher Kreuzung Richtung Baden-Oos führte) lehnte sich damals die preußische Batterie, und obgleich es lebensgefährlich war hier oben zu spazieren, so machten sich doch die Soldaten nicht selten das Vergnügen, wenn eine Kugel vorbeigesaust war, dem Feinde ... zu telegraphieren, sie habe nicht getroffen.“
Es ist bezeichnend, dass in den meisten Veröffentlichungen selten vom Leid gefangen genommener Soldaten berichtet wird. Jeder, der die Kasematten in Rastatt besuchte, wird mit Schaudern folgende Zeilen lesen. Diese stammen von einem ehemaligen preußischen Soldaten, der die Barbarei und Erniedrigung des militärischen Gegners eindrucksvoll als Warnung für seine Kameraden beschreibt.
Sein Buch, herausgegeben in Brüssel im Jahr 1849 lautet:
„Reue eines preußischen Soldaten über die Greuelthaten des herrlichen Kriegsheeres in Baden“. [7]
„Kameraden, soll ich euch von Rastatt erzählen, von dieser Blutstadt, wo die armen Gefangenen zu Tausenden in unterirdische Löcher gesperrt sind, damit sie hier lebendig verfaulen, wo sie geradezu wie wilde Tiere behandelt werden, auf welche der preußische Soldat schießt, sobald sie sich an ihren Gittern zeigen … Ihr, die preußischen Soldaten, habt ein schönes deutsches Land (gemeint ist Baden) zu einer Mördergrube, zu einer Höhle des Jammers und Elends gemacht. Ihr habt ein braves, freiheitsliebendes, gebildetes Volk hingemordet … Jüngst sollte in der Kaserne ein badischer Soldat 25 Prügel bekommen. Da trat ein Unteroffizier hervor und sagte dem preußischen Offiziere: ‚Die Prügelstrafe ist in Baden gesetzlich abgeschafft.‘ So, erwiderte der Offizier, ‚dann bekommt er fünfzig.‘ Und wisst ihr, wie der Mensch heißt, der diese Prügel diktierte? Dieser Mensch heißt Herr von Brandenstein und ist einer eurer Offiziere. Herr von Schweinehund, Herr von Schuft, Herr von Untier … sollte dieser Mensch heißen.“
Die Tatsache, dass Druckerzeugnisse, die von Geschehnissen in Niederbühl berichten, in Stuttgart, München und Leipzig veröffentlicht wurden, führt uns heute den Stellenwert des … „Kampfes unter der Fackel der Freiheit“ … vor Augen. | ![]() |
Abriss von Mauern gegen die Freiheit
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier rief am 7. November 2024 auf Schloss Bellevue aus den Erfahrungen von 1849 und 1989 zum verstärkten Kampf für Freiheit und Demokratie auf.
"Wir stehen an der Seite derer, die heute für ihre Freiheit und gegen Unterjochung kämpfen!"
Der Kampf für die Freiheit wurde 1849 in Rastatt verloren.
Angesichts dieser Zeilen, aber auch weiterer, zz. stattfindenden Kriege, sollten wir alles tun, dass sich auch unsere Kinder und Enkelkinder an den „Tanz um den Freiheitsbaum“ lebenslang erinnern und aktiv für die hart erkämpfte Freiheit eintreten.

Ein „kleines“ Lied, das mit einfachen Worten eine große Aussage trifft, die zeitlos ist!
Die Gedanken sind frei
Während der ursprüngliche Text wohl vor 1800 entstanden ist, gehen heutige Fassungen auf die 1842 durch August Heinrich Hoffmann von Fallersleben geschaffene Version zurück. [8]

Immer wieder war das Lied in Zeiten politischer Unterdrückung oder Gefährdung Ausdruck für …
Sehnsucht nach Freiheit und Unabhängigkeit
Sophie Scholl spielte das Lied 1942 zu Ehren ihres inhaftierten Vaters Robert Scholl wegen hitlerkritischen Äußerungen an der Gefängnismauer mit der Blockflöte.
Am 9. September 1948, auf dem Höhepunkt der Berlin-Blockade, hielt Ernst Reuter vor über 300.000 Berlinern an der Ruine des Reichstagsgebäudes eine Rede, in der er an „die Völker der Welt“ appellierte, die Stadt nicht preiszugeben. Nach dieser Rede erklang spontan aus der Versammlung das Lied: Die Gedanken sind frei.
Im Jahr 1989 wurde während der friedlichen Revolution in der DDR das Lied von Mitgliedern der Dresdner Staatskapelle auf dem Theaterplatz in Dresden gespielt und von tausenden Demonstranten mitgesungen. Es war ein ergreifender Höhepunkt der damaligen historischen Ereignisse.
Auch 2013 hatte das Lied noch politische Relevanz. So strich der Leiter des Dresdner Kreuzchors das "Freiheitslied" aus dem Programm, um eine Konzertreise durch China nicht zu gefährden.
Das „Lied der Freiheit“ wurde mehrfach als Deutsche Nationalhymne vorgeschlagen, obwohl – oder gerade deshalb – es in der Geschichte mehrfach verboten wurde.
Es ist die Hymne gegen Unterdrückung, Zensur und staatlicher Willkür.

[1] Werden keine Bildquellen genannt, stammen die Bilder vom Autor.
[2] Entgegen der Darstellung fand dieses Ereignis nicht vor dem Schloss, sondern vor den Toren der Festung statt.
[3] Bildquelle: Niederbühler Heimatbuch, S. 187
[5] vgl.: Bilder aus dem Soldatenleben im Kriege“, Stuttgart 1860, Seite 113
[6] Rechtschreibung wurde angepasst.
[7] Brüssel 1849, zitiert bei: Badische Landesbibliothek, hier Seite 22
[8] Bildquelle (Noten und Text): Fassung der Schlesischen Volkslieder von 1842




![Juli 1849 [3]](https://static.wixstatic.com/media/148f28_563f59b33f8741a58fbbfc4f7e911d68~mv2.jpg/v1/crop/x_17,y_0,w_586,h_720/fill/w_586,h_720,al_c,q_85,enc_auto/148f28_563f59b33f8741a58fbbfc4f7e911d68~mv2.jpg)








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