Von dunklen Zeiten – Geiseln der Menschheit
Aktualisiert: 1. Sept.
Wolfgang Braun, September 2026; dritte, überarbeitete Version [1]
Kriege und Seuchen in unserer Heimat
Der schwarze Tod: Im Würgegriff der Pest
Erst vor wenigen Jahren jagte die Corona-Pandemie den Menschen weltweit Angst und Schrecken ein. Die Auswirkungen sind bis heute noch zu spüren. Aber Pandemien bzw. Epidemien sind nichts Neues. [2]
Die verheerende Pestepidemie in Mitteleuropa, die seit dem Anfang des 14. Jh. wütete, raffte innerhalb weniger Jahre ca. 25 Millionen Menschen dahin. Dies war rund ein Drittel der damaligen Bevölkerung. Man sprach von der Pest und weiteren Seuchen wie von einem „großen Sterbendt“. [3] Noch heute erinnert die Redensart:
„Da kann er warten, bis er schwarz wird“,
an die, als der „schwarze Tod“ bezeichnete Krankheit. Diese ging auch an den Menschen in unserer Heimat nicht vorbei.
So wurde z. B. der Selige Bernhard von Baden Opfer der Pest, als er bei einem der späten Kreuzzüge teilnahm und sich im oberitalienischen Moncalieri nahe Turin mit der todbringenden Krankheit infizierte. Markgraf Bernhard II von Baden wurde um 1428 auf dem Schloss Hohenbaden (s´alte Schloss) geboren. Auf dem Rastatter Marktplatz wird er auf dem, nach ihm benannten Bernhardusbrunnen, als furchtloser Landespatron und „Ritter Christi“ dargestellt. | ![]() |
Auf der Suche nach Schuldigen
Da man im Mittelalter die Zusammenhänge zwischen der fehlenden Alltagshygiene und der Verbreitung von krankmachenden Keimen nicht kannte, erklärte die Kirche Krankheiten u. a. als „göttliche Strafe“ für ein sündiges Leben. Oftmals sah man die „Sündhaftigkeit“ aber nicht bei sich selbst, sondern man suchte nach „Sündenböcken“, die man verantwortlich machen konnte oder die man gar als Brunnenvergifter verleumdete. Diese „Übeltäterrolle“ bürdete man meistens den Juden auf, was sich in zahlreichen Pogromen äußerte.
In Südfrankreich galt das gängige Wort: „Gott ist der wahre Arzt“.
Verordnete Therapien zur Linderung der Not sah man in Gelübden, Pilgerschaften, Gottesdiensten und in immer wiederkehrenden Bittprozessionen. Außerdem weihte man Kirchen, Kreuze und Bildstöcke dem Heiligen Rochus von Montpellier, dem Schutzpatron gegen die Pest, in dessen Heimatstadt täglich bis zu 500 Menschen starben. Das Bild, vom Autor auf dem spanischen Jakobsweg fotografiert, zeigt die typischen Attribute des Heiligen Rochus, nämlich den Pilgerstab, den Brot bringenden Hund und die Pestbeule am Oberschenkel. Rochus, der den Überlieferungen zufolge zwischen 1295 und 1379 lebte, verschenkte sein Vermögen an Arme und begab sich auf Pilgerschaft. In Oberitalien pflegte er Pestkranke und wurde dabei selbst von der Seuche befallen. Um ihn ranken sich verschiedene Erzählungen. Man sagt, er wurde wegen seiner Armut im Spital nicht geduldet, worauf er sich in eine Hütte des nahen Waldes zurückzog. | ![]() |
Eine Quelle entsprang, um ihm Wasser zu geben. Der Hund eines benachbarten Edelmanns brachte ihm täglich Brot und leckte seine Pestbeulen. Schließlich erschien ein Engel, der Rochus heilte. Zurück in Frankreich erkannte ihn niemand. Er wird als vermeintlicher Spion in den Kerker geworfen. Nach fünfjähriger Gefangenschaft starb er im Jahr 1379.
Zurück in unsere Heimat
Die kleine Kapelle St. Sebastian-Rochus in Rotenfels (Straße Richtung Ortsteil Winkel) erzählt eindrucksvoll von den inständigen Gebeten der Gläubigen und ihrer Not im ohnmächtigen Kampf gegen die damals unbesiegbare Seuche. Pest, Typhus und weitere Seuchen grassierten auch im 17. Jahrhundert in weiten Teilen Europas und rafften Millionen Menschen dahin. Auch rund um Niederbühl und Förch war der Dreißigjährige Kriegein „Brandbeschleuniger“ bei der Verbreitung der Seuche. | ![]() |
„Noth und Elende“ im Dreißigjährigen Krieg
Im Jahr 2018 jährte sich der Beginn des Dreißigjährigen Krieges (1618 bis 1648) zum 400. Mal. Historiker sprechen von einer …
„nicht steigerbaren Urkatastrophe der Deutschen.“ [4]
Was zunächst als Glaubenskrieg begann, entwickelte sich schnell zu einem mörderischen „Flächenbrand“, bei dem es vor allem um Macht, Gebietsgewinne und Einflussnahme ging. Auf der einen Seite kämpften die katholischen Fürsten und der habsburgische Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation zusammen mit Spanien gegen die protestantische Union. In dieser hatten sich die deutschen Fürsten protestantischen Glaubens mit Schweden, Dänemark und den Niederlanden verbündet. Auch das katholische Frankreich unterstützte die protestantische Union, um das Deutsche Reich zu schwächen.
Dieser lange und blutige Krieg, der nach Schätzungen acht Millionen Menschen das Leben kostete, hatte auch gravierende Auswirkungen auf unsere Heimat. So überlebte in Württemberg und Baden nur ein Drittel der Bevölkerung. Man sprach von einem „großen Sterbendt“.
Den Begriff „Sterbendt“ benutze der Söldner Peter Hagendorf, als er mit seiner Einheit von Muggensturm, Ettlingen, Pforzheim, Weil der Stadt und zurück über Durlach, Rastatt, Steinbach, Renchen, Oberkirch, wieder nach Rastatt und weiter nach Württemberg zog.
Grund dieses „großen Sterbens“ waren nicht nur die direkten Kampfhandlungen, sondern die Tatsache, dass die wilden Söldnerhorden nach gewonnenen Schlachten zügellos raubten, plünderten, vergewaltigten und brandschatzten. Die Folgen davon waren Hunger, Heimatlosigkeit, Verelendung und Tod für Millionen von Menschen.
Hans Heberle [* 1618, † 1672] war Schuster in der Nähe von Ulm und einer der wenigen Zeitzeugen, der seine eigenen, furchtbaren Erlebnisse aufzeichnete. Mit erschütternden Worten berichtet er im „Zeytregister“, wie er durch Überfälle und auf der Flucht alles verlor. Weder seine Frau noch die 10 Kinder überlebten. Er beschreibt in seiner „Todesstatistik“ insgesamt 27 Fluchten, die ihn auch durch unsere Heimat führten.
Fünf Kinder hatten Hans und Anna Heberle im Sommer 1634, als die Zahl ihrer Fluchten noch einstellig war; vier verloren sie bis zum Herbst des folgenden Jahres. Die siebenjährige Chatreina und der "herzallerliebste“ Sohn Johannes starben 1635 an Hunger, zwei kleinere Geschwister waren schon 1634 gestorben, als der Krieg gerade erst zur Hälfte vorüber war.
Nachdem rund um seine Heimatstadt Felder verwüstet und Tiere beschlagnahmt wurden, gibt er als hungernder Überlebender folgenden Rat:
„Es ist auch für gut gehalten worden allerley kraut uff dem feld: die distel, die nesle (…), dan der hunger ist ein guter koch, wie man im sprichwort sagt. Dan durch diese hunger ist ein grosser sterbet und pestelentz (Anm.: Plage und Seuche) entstanden, das vüll taussend menschen gestorben.“ [5]
Aus Städten, die mehrmonatige Belagerungen zu erdulden hatten (den traurigen Rekord führt Nürnberg an), häuften sich Berichte über Kannibalismus. So schreibt der bereits genannte Schuster Heberle 1638 in Breisach:
„Es haben die soldaten einem (…) knaben ein stuckh brot versprochen, er soll mit inen in das leger gehen. Als er aber dahin komen, haben sie in gemetzget und gefreßen“.
Die „Geisel des Krieges“ schildert auch Johann Jacob Christoph von Grimmelshausen[* 1621, † 1676 in Rechnen]. Sein 1668 erschienenes Werk, der …
„Abentheurliche Simplicissimus Teutsch",
gehört als eines der ersten Werke, geschrieben in deutscher Sprache, zu den Höhepunkten barocker Weltliteratur. Er selbst hat den Krieg auf mehreren Schlachtfeldern erlebt und bezeichnet die …
„… verkehrte Welt des Krieges als Monstrum, der weder göttliche Strafe noch Folge satanischer List, weder gerecht noch ungerecht ist, sondern Menschenwerk, das aus Tätern Opfer und aus Opfern Täter macht. [6]
Warum konzentrierten sich gerade im heutigen Mittelbaden
die Kampfhandlungen?
Wie die Archivalien des Generallandesarchives in Karlsruhe zeigen, fanden in unserer Region massive Truppenbewegungen statt. Der heutige Landkreis Rastatt samt Ortenau lagen an der sog. „Zerstörungsdiagonale“, welche von der Pfalz bis an die Schweizer Grenze reichte.
Auf dieser Spur des Todes verloren nachweislich auch Bewohner von Niederbühl und Förch ihr Leben, denn die ständigen Truppendurchmärsche (kaiserliche, schwedische, französische) brachten für die Bevölkerung in Niederbühl schwere Verwüstungen, Hungersnöte und Krankheiten mit sich. Das ehemals bedeutende Dorf Förch wurde im Dreißigjährigen Krieg von den Schweden komplett niedergebrannt.
Um dem zermürbenden Krieg schließlich ein Ende zu setzen, kamen in Münster und Osnabrück 37 ausländische und 111 deutsche Gesandte zu Verhandlungen zusammen. Die Gespräche sollten sich als äußerst schwieriges und langwieriges Unterfangen herausstellen, dauerte die Konferenz doch von 1643 bis 1648. Aber die Mühen haben sich gelohnt. Am 24. Oktober 1648 wurde der Friedensschluss besiegelt.
Endlich Friede!
Der Westfälische Friede besiegelt – nach 30 Jahren Krieg, Plünderungen, Mord, Gemetzel, Vergewaltigungen, Hungersnöte u.v.m. – den Anbruch einer neuen Epoche. Leider brachten in den kommenden Jahren in unserer Region der Pfälzische- und Spanische Erbfolgekrieg erneutes Verderben über die leidgeplagte Bevölkerung. |
[1] Werden keine Bildquellen genannt, stammen die Bilder vom Autor.
[2] Der Artikel beschränkt sich auf die Auswirkungen der Pest, wohl wissend, dass z. B. die Spanische Grippe,
die Pocken-Pandemie, Ebola-Fieber, Cholera, HIV ... Millionen Menschen das Leben kostete.
[3] Den Begriff „Sterbendt“ benutze der Söldner Peter Hagendorf, als er auf den Märschen seiner Einheit von Muggensturm, Ettlingen, Pforzheim, Weil der Stadt und zurück über Durlach, Rastatt, Steinbach, Renchen, Oberkirch, wieder nach Rastatt und weiter nach Württemberg zog.
[4] vgl. u. a. Silvia Kählert: https://www.condor.cl/2018/05/14/dreissigjaehriger-krieg/
[5] vgl.: „Aus Politik und Zeitgeschichte“, Bundeszentrale für politische Bildung 2018, S. 13 f.
[6] Sinngemäß entnommen von Präsentationen des Simplicissimus-Hauses in Renchen (Baden)









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