Wenn Steine erzählen könnten
Aktualisiert: 1. Sept.
Wolfgang Braun, September 2026; dritte überarbeitete Version [1]
Nach all den vielen „Dunklen Zeiten“ [2] der letzten Jahrhunderte (Kriege, Plünderungen, Hunger, Epidemien …) ist es leider so, dass in unserem Heimatdorf wenige steinerne „Zeitzeugen“ aus vergangenen Epochen zu finden sind. Es lohnt sich aber, – vielleicht bei einem Spaziergang durch Niederbühl – bei den hier beschriebenen, fast 300 Jahre alten steinernen Zeugen der Vergangenheit einige Minuten zu verharren. Zum einen handelt sich um die beiden Hochkreuze, das eine auf dem Friedhof und das andere vor der Laurentiuskirche. Besondere Beachtung sollten Spaziergänger den beiden Brückenheiligen schenken, die an der Brücke über den Ooser Landgraben (Murgtalstraße) am „alten“ Kirchplatz stehen.
Steinkreuze künden von Zeit, Leben und Vergänglichkeit
Folgendes Bild zeigt das Sandsteinkreuz auf dem Friedhof, aufgenommen an einem Wintermorgen.
![]() | Sowohl das Friedhofskreuz als auch das Kreuz vor der Laurentiuskirche standen auf dem „Gottesacker“, dem ehemaligen Friedhof auf dem alten Kirchplatz (Ooser Landgraben/Murgtalstraße). Dieser Platz war der zentrale Mittelpunkt des Dorfes. Dort bildeten Kirche und Friedhof – wie auch heute noch in Oberschwaben und im alpinen Bereich üblich – eine Einheit.
Das größere Kreuz (ca. 5 Meter hoch) mit der eingemeißelten Jahreszahl 1754 stand rechts der alten Kirche, während das kleinere Kreuz (ca. 3,70 Meter hoch) mit der Jahreszahl 1755 auf dem linken Teil des Platzes angebracht war. |
Gleich unter der Inschrift des Friedhofkreuzes mit der Jahreszahl 1754 steht der Name des Stifters: „Franz Joseph Jung, Schwanenwirt“ | ![]() |
Das kleinere Kreuz wurde nach dem Abbruch der „alten“ Kirche (1978) an den Platz der jetzigen Kirche versetzt, wobei erwähnenswert ist, dass beide Kreuze die gleiche Inschrift tragen: „Jesus wolle mit uns walten und zu seiner Ehr erhalten ewig.“ | ![]() |
Wissen Sie, warum man den jetzigen Friedhof als „vierten“ Friedhof bezeichnen kann?
Eine exakt nachweisbare Antwort ist schwierig zu formulieren, denn über den ersten Friedhof liegen dem Autor keine Informationen vor. Die älteste vorliegende Quelle eines Pfarrers in Niederbühl stammt aus einer Urkunde von 1355, in der ein Pfarrer “Sifrid“ [3] genannt wird. Somit kann man davon ausgehen, dass sich spätestens zu dieser Zeit eine Kirche mit Friedhof in Niederbühl befand.
Seit "Menschengedenken" war der zweite Friedhof auf dem Platzder 1978 abgerissenen Kirche. |
Als man im Jahr 1754 begann, eine Steinbrücke über den Ooser Landgraben beim ehemaligen Gasthaus Schwanen in der Murgtalstraße zu bauen, benötigte man auch Baugrund für den Friedhof, der aufgrund der Baumaßnahme kleiner wurde. Als Ausgleich bestattete man die Toten ab 1816 auch auf dem Gelände bei der heutigen Mühlstraße (gegenüber Gasthaus SchnickSchnack). An dieser Stelle stand einst die 1725 errichtete Antoniuskapelle.
Dieser Standort war denkbar ungünstig gewählt, da Hochwasser die Anlage oft zerstörte, weshalb man dort keine Bestattungen mehr vornahm. Im Jahr 1936 ebnete man dieses Begräbnisfeld endgültig ein. Der jetzige Friedhof hat seit 1956 seine heutige Form. Auch dort befand sich eine kleine Kapelle, welche 1957 abgerissen wurde. In diesem Jahr entstanden die noch heute genutzte Kapelle und Leichenhalle.
Brückenheilige, die Geschichte(n) erzählen
Seit ca. 270 Jahren überqueren Fußgänger und Fahrzeuge der verschiedensten Art den Ooser Landgraben über die aus Sandstein errichtete zweibogige Brücke beim ehemaligen Gasthaus Schwanen an der Murgtalstraße.
![]() | Die von Professor Albert Kiefer gezeichnete Idylle an der Brücke lässt sich heute kaum mehr erahnen, und doch lohnt es sich einmal genau hinzuschauen. Von der Kirchgasse aus gesehen richtet sich der Blick zuerst auf die neben dem Gasthaus Schwanen angebrachte Statue des Heiligen Nepomuk, der als „Brückenheiliger von Böhmen“ verehrt wird. |
In unserer Heimat kam der Heilige Nepomuk möglicherweise über Markgräfin Franziska Sibylla Augusta zu Popularität. Die Markgräfin hatte ihre Jugend auf Schloss Schlackenwerth in Böhmen verbracht.
Johannes Nepomuk [* 1350, † 1393] studierte an der renommierten juristischen Fakultät zu Prag und setzte sein Studium nach dem Examen an der Universität Padua fort, wo er 1387 das Doktorat des Kirchenrechts erlangte. Zurück in Prag ernannte ihn der Erzbischof zum Generalvikar. In dieser Eigenschaft geriet er in den Machtkampf zwischen König Wenzel IV. und dem Erzbischof. Bei diesem Konflikt ging es um die Abgrenzung der weltlichen und kirchlichen Machtbereiche in Böhmen, besonders um die Frage der Übertragung hoher kirchlicher Ämter und Privilegien und somit um die Ernennung von Bischöfen. Als sich die Fronten verhärteten, flüchtete der Erzbischof. Er wurde als ranghöchster verbliebener Kleriker vom König verhaftet, gefoltert und danach von der Karlsbrücke in die Moldau gestürzt und ertränkt. Im Jahr 1729 sprach ihn Papst Benedikt XIII. Heilig. | ![]() |
Fakten oder Legenden …?
Zeitgleich mit Nepomuk wirkte in Böhmen der Reformator Jan Hus [* 1370, † 1415]. Er war zeitweise Rektor der Karls-Universität Prag. In seiner Eigenschaft als Priester war er u. a. der Beichtvater der zweiten Ehefrau von König Wenzel IV. Nachdem er in Konstanz während des Konzils seine Lehre nicht widerrufen wollte, wurde er – entgegen den Zusicherungen des freien Geleites, u. a. ausgesprochen von König Sigismund – als Ketzer auf dem Scheiterhaufen verbrannt.
Die im 16./17. Jahrhundert entstandene Nepomuklegende vertauschte die beiden Geistlichen Nepomuk und Hus. So wurde Nepomuk als Beichtvater der Königin genannt und von der Brücke gestürzt, angeblich weil er dem eifersüchtigen König die Beichtinhalte der Königin nicht verraten hatte. Er wird in der gesamten katholischen Kirche als Brückenheiliger und Patron des Beichtgeheimnisses verehrt.
Gegenüber von Nepomuk steht auf der Brücke über den Ooser Landgraben der Heilige ...
Antonius von Padua.
Der Franziskaner wurde zeitweise mehr verehrt als der Gründer seines eigenen Ordens, Franz von Assisi. Seine Statue fehlt in kaum einer katholischen Kirche. Er wurde um 1195 in Lissabon als Kind einer reichen Adelsfamilie geboren, wo man ihn – nach Eintritt in den Franziskanerorden – Antonio de Lisboa nennt. In seinem kurzen Leben führten die Pilgerwege nach Marokko, Sizilien, Südfrankreich und – mit einer persönlichen Begegnung mit Franz von Assisi – nach Oberitalien, wo man ihn als „Starprediger“ geradezu feierte. Im Juni 1231 starb er in Padua, bekannt unter dem Namen Antonio di Padova.
Seine Popularität und Beliebtheit verdeutlichen die vielen Abwandlungen seines Namens in den unterschiedlichsten Landessprachen. Zum bayerischen Toni gesellen sich weibliche Formen wie Antonie, Antoinette, Antonella, Antonetta, Antonia, Antonina sowie das männliche Antonio, Anthony oder Antal. Besonders bekannt geworden ist Antonius wegen der ihm zugeschriebenen Hilfe, verlorene oder verlegte Gegenstände wieder zu finden.
Ein bayerisches Stoßgebet lautet:
„O heiliger Antoni, du kreizguata Mo, pack mi beim Zipfel und führ mi dro no.“
Wenn Sie bei der Brücke über den Ooser Landgraben – trotz des überbordenden Autoverkehrs – vor der Antoniusstatue verharren, könnten ihre Gedanken von folgender Aussage des Heiligen inspiriert werden:

[1] Werden keine Bildquellen genannt, stammen die Fotografien von Wolfgang Braun.
[2] In einer der nächsten Beträge werden "Dunkle Zeiten" thematisiert.
[3] Im Freiburger Diözesanarchiv wird er im 16. Band, S. 60 als wird er als Pfarrrektor bezeichnet.










Kommentare