Vom Racheputzer und scharfen Sachen
Aktualisiert: 1. Sept.
Wolfgang Braun, September 2026; vierte überarbeitete Version [1]
Starten wir mit einer Quizzfrage:
Was ist der entscheidende Unterschied, wenn Sie in eine Chilischote beißen oder frisch geriebenen Meerrettich essen?
Chilischärfe wird im Mund wahrgenommen, Meerrettich steigt in die Nase. Diese Wirkung, der man auch Heilkraft zuschrieb, wird bereits in der Antike genannt. Dem Orakel von Delphi wird z. B. folgender Spruch zugeordnet:
„Radieschen sind mit Blei aufzuwiegen, Rettich mit Silber, der Meerrettich ist sein Gewicht in Gold wert".
Die ursprüngliche Heimat des wilden Meerrettichs vermutet man im Wolga-Don-Gebiet, im Süden Russlands. Über die Region des heutigen Moldawiens fand der Meerrettich in seiner kultivierten Form dann seinen Weg Richtung Westen. So taucht er z. B. im St. Gallener Klosterplan (9. Jh.) in dem Kräutergedicht „Hortulus“ von Abt Walahfrid Strabo auf. Auch Hildegard von Bingen (12. Jh.) erwähnt den Meerrettich in ihren botanischen Schriften als Heil- und Gewürzpflanze. Es war die Zeit, in der Salz für den „Normalbürger“ unerschwinglich war. Man behalf sich mit Kräutern und heimischen Gewürzpflanzen wie z. B. dem Meerrettich und Senfkörnern, um Gerichte schmackhafter und bekömmlicher zu machen.
Für den beißend-scharfen, tränentreibenden Effekt des Meerrettichs sind Senföle verantwortlich, die auch gesundheitsfördernde Wirkungen haben. Daneben enthält der Meerrettich auch Vitamine (vor allem Vitamin C), Mineralstoffe und Enzyme. Somit war Meerrettich auch bei langen Seefahrten an Bord, denn der hohe Vitamingehalt, der z. B. auch im Sauerkraut zu finden ist, bot hervorragenden Schutz vor Skorbut, einer unter Seefahrern gefürchteten Mangelerkrankung. | ![]() |
In der Vergangenheit hatte Niederbühl eine große Bedeutung für den Meerrettichanbau und -handel, die allerdings im Lauf der Zeit verloren ging. In unserer Region ist heute Urloffen das Meerrettichzentrum. Weitere große Anbaugebiete gibt es u. a. im Spreewald und bei Baiersdorf in Mittelfranken (Heimat der Firma Schamel), wo seit 1846 Meerrettich vermarktet wird.
Nun eine weitere Quizzfrage: Was hat Meerrettich mit Meer zu tun?
Wohl kaum etwas mit unseren Meeren, obwohl in der Bretagne ebenfalls Meerrettich angebaut wird. Hierzu findet man in der „Enzyklopädie des deutschen Mittelalters“ folgende Aussage:
„Aus dem südosteuropäischen Raum stammende ausdauernde krautige Pflanze mit kräftiger weißlicher Pfahlwurzel. Der Name rührte nicht daher, dass die Pflanze von weit über das Meer gekommen sei, sondern von dem Umstand, dass sie mehr (würzende Stärke oder Kraft) hat als Rettich … meri-ratich, mer-retich; merrich; retich; lateinisch von radix = Wurzel.“
Eine andere Worterklärung führt zu „Mähre“. In England spricht man von horseradish (horse = Pferd; radish = Rettich) und beschreibt damit den sog. Mährrettich als einen Schleimlöser für Pferde. Mähre bezeichnete zuerst eine Stute und später ein altes Pferd. Auch in Frankreich findet sich die Bezeichnung „radis de cheval“ (Pferderettich) neben dem gängigeren Begriff „raiffort“.
Interessant hierbei ist, dass frisch geriebener Meerrettich beim Pferd in einer Menge von etwa 20 bis 25 Gramm pro 100 Kilo Körpergewicht wie ein Breitband-Antibiotikum wirkt.
Der Name „Kren“, der vor allem in Österreich und Bayern für Meerrettich verwendet wird, entwickelte sich aus dem altslawischen Wort „krenas“, was soviel wie greinen oder weinen bedeutet.
Dass die Wirkung des Meerrettichs in der Sagenwelt, beziehungsweise im Aberglauben eine Rolle spielt(e), dürfte wohl niemanden verwundern. Als schärfstes Mitglied der Familie der Kreuzblütengewächse bereitet er bei übermäßigem Verzehr unter Umständen sogar Schmerzen – müsste er da nicht auch diverse Teufel, Dämonen, rasende Hunde, Hexen und böse Geister austreiben können?
Zurück nach Niederbühl, wo es Adolf und Paula Seitz gelang, bereits vor dem Zweiten Weltkrieg den geriebenen Meerrettich in Gläsern anzubieten. Nach dem Krieg bauten sie eine kleine Fabrikationshalle (an der Murgtalstraße gegenüber dem Gasthaus SchnickSchnack) und produzierten – unter Mitarbeit der beiden Söhne Robert und Waldemar – Meerrettich, dessen Verbreitungsgebiet sich von der Schweiz bis nach Holland erstreckte.
Die knorpelige Pflanze aus Niederbühl fand in so manchem Restaurant in Paris ihre Liebhaber.
Inzwischen gibt es Hoffnung, dass die ausgestorbene Tradition des Meerrettichanbaus unter dem Motto: „Kulinaria á la Niederbühl“ zumindest hobbymäßig wieder zum Leben erweckt wird.
Der Heimatverein Niederbühl / Förch hat diese Verpflichtung erkannt und begann unter Anleitung von Burkard Herrmann mit dem Anbau von Meerrettich. Und wer weiß, vielleicht kann man bald wieder von Niederbühl als einem „Meerrettich-Dorf“ sprechen.
Erfindergeist aus Niederbühl in der Person von Johann Wich [*1859, †1939] sorgte dafür, dass Meerrettich vor allem dann sein wohltuendes Aroma entwickelt, wenn er ganz fein gerieben zur Anwendung gelangt. In einer Werbebotschaft lautet der Text: [2]
"Wich´s Original-Waben-Reibeisen, patentiert im Jahr 1889, das beste und praktischste Reibeisen für jede Küche mit zwei Reibeflächen ... Export nach fast allen Ländern. |
So wurde Wich´s „legendäres“ Reibeisen in Zeitungen angepriesen:
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In der Zeitschrift Daheim vom 2. Oktober 1915 finden wir nebenstehende Pressenotiz:
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Jetzt wird es Zeit, eine Meerrettichsuppe nach einem überlieferten Rezept zu kochen.
![]() | Zutaten
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Zubereitung
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![]() | Zum Schluss etwas zum Weinen und Schmunzeln, aufgestöbert in der Schatzkiste der Universitätsbibliothek in Heidelberg aus dem Jahre 1856. Es trägt den Titel: „Das weinende Mädchen“. Sie finden das traurig schaurige Gedicht in der Zeitschrift „Fliegende Blätter“, Nr. 597, S. 164.
Es trägt den Titel: „Das weinende Mädchen“.
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„Ein Mädchen fand ich weinend, die Augen purpurroth.
Aus ihren Mienen klagte der Gram und tiefe Noth.
Mir tat so leid das Mädchen, ich selber ward so weich.
Ist doch mein Herz an Mitleid, wie selten eins, so reich.
Ich nahte ihr und fragte: Was foltert dir das Herz?
Was preßt dir aus die Thräne? Woher der tiefe Schmerz?
Mir schien´s, als ob mein Mitleid ihr sanften Trost verlieh´n;
Doch sie sprach, leise lächelnd: Meerrettich hab´ich g´rieb´n.“
[1] Werden keine Bildquellen genannt, stammen die Bilder von Wolfgang Braun.
[2] Quelle (Text und Bild): Heimatveren Niederbühl / Förch
[3] vgl. Heidelberger historische Bestände, S. 1241, https://doi.org/10.11588/diglit.2803#1157





![Veröffentlichung der Uni Heidelberg [3]](https://static.wixstatic.com/media/148f28_ffbe7f0408854533a0fbda6760e52916~mv2.jpg/v1/fill/w_630,h_436,al_c,q_80,enc_avif,quality_auto/148f28_ffbe7f0408854533a0fbda6760e52916~mv2.jpg)






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