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Ein Spazierweg entlang des Gewerbekanals

Folge 11 von Wolfgang Braun
Erstellt im Juli 2021. Digitalisiert vom Heimatverein Niederbühl-Förch e. V. im Dezember 2021
Vielen Dank unserem Gründungsmitglied Wolfgang Braun, dass wir seinen Artikel hier veröffentlichen dürfen.

Auf gut ausgebautem Weg Kleinigkeiten aus Vergangenheit und Gegenwart entdecken


Beginnen wir unseren Spaziergang entlang des Gewerbekanals Richtung Kuppenheim am Niederbühler Feuerwehrhaus. Wenige Meter danach sollten Sie Ihren Blick nach rechts auf die Einmündung des Mühlkanals in den Gewerbekanal lenken. Hier stand ehemals eine Mühle, die 1918 abgebrannt ist und deren Fundamente heute noch hinter dem Heim für Wohnsitzlose zu entdecken sind. Sie erreichen die gemauerten Sandsteinquader über den kleinen Feldweg zwischen Ooser-Landgraben und Gewerbekanal.


Die Suche nach einem Standort zur Gründung einer Sauerstofffabrik führte 1921 einen Mann namens Kurschildgen, der im Auftrag der Firma Hager & Weidmann (Produzent von Schweißgeräten) unterwegs war, fast zufällig zu diesem Platz, der ihm für das Vorhaben seiner Firma geeignet erschien. Es gelang ihm, den ehemaligen Mühlenbesitzer Wilhelm Gleisle und den Fabrikanten Rudolf Stierlen für die Geschäftsidee zu begeistern. Auch der spätere basi-Gründer Heinrich Schöberl zeigte Interesse an der Idee, mit Hilfe von Wasserkraft Strom für die Produktion von Sauerstoff zu erzeugen.


Strom war damals eine teure lokale Angelegenheit, denn belastbare Überlandnetze gab es noch nicht. So war der Grundstein für die Badische Sauerstoff Industrie, kurz basi, gelegt.

Mühle, kurz vor dem Brand
Bildquelle: Chronik der Badische Acetylen und Sauerstoff Industrie: basi

1923 begann die Produktion. Kurschildgen leitete die neu gegründete Firma Badische Sauerstoff-Industrie AG, Rastatt“ als Geschäftsführer bis 1958. In der wahrhaft unruhigen Nachkriegszeit des Ersten Weltkriegs begann im Jahr 1923 die überregionale Belieferung der Gasekundschaft im gesamten südwestdeutschen Raum.


Die Firma behauptete sich trotz der schwierigen wirtschaftlichen Situation und der galoppierenden Inflation, während der z. B. eine Theaterkarte eine Milliarde Reichsmark kostete. Man trug Millionenscheine in Waschkübeln zum Lebensmitteleinkauf. Der Wert des Geldes fiel schneller, als nachgedruckt werden konnte. Fatalismus oder Fröhlichkeit der „goldenen Zwanziger“ zeigte sich u.a. in Gassenhauern wie:

Wir versaufen uns´rer Oma ihr klein Häuschen“

Exakt in dieser turbulenten Zeit (1926) übernahm Heinrich Schöberl alle Aktien.

1936 wird die Firma in die „Badische Sauerstoff-Industrie KG, Schöberl & Co., Rastatt“ umgewandelt. Bald nach Kriegsende übernimmt Kurt Schöberl, jüngster von vier Söhnen Heinrich Schöberls, als 30jähriger die Geschäftsführung. Eine seiner für die Firmengeschichte wegweisende Entscheidung war die Verlegung des Unternehmens nach Rastatt, ins Industriegebiet Steingerüst.


Leider konnte er den völligen Neubau der Firma (1982 – 1985) nicht mehr erleben, da er Anfang 1976 im Alter von nur 60 Jahren verstarb. Sein Sohn Hans Schöberl rückte nach und prägte in der dritten Generation über 30 Jahre die Geschicke der Firma. Er starb im April 2017, hatte zuvor aber schon seinen Sohn Georg in die Firmenleitung eingeführt.


Wenn Sie den soeben begonnen Spaziergang mit einem kleinen Umweg ergänzen wollen, so steigen Sie doch auf den Murgdamm. Der Blick richtet sich auf die Häusergruppe um das Gasthaus „Engel“ und die Sportanlagen. In einer Karte aus dem Jahr 1832 (vom Autor als vergrößerter, beschrifteter Ausschnitt dargestellt) können Sie entnehmen, dass dort die „Neue Mühle“, zwischen Murg und Mühlgraben stand. Im Findbuch 37 Nr. 3114 des Generallandesarchivs zu Karlsruhe wird die im „… Topographischen Plan über den in dem Rastatter Amt liegenden Niederbühler Bann samt Förch und dem Fürstlichen Schloß Favorite“ liegende Mühle, bereits seit 1546 urkundlich dokumentiert.

Plan der Murgregulierung mit Nebenarmen und Sandbänken, 1832
Quelle: www.landesarchiv-bw.de Findbuch H, 371 Nr. 164

Wenn wir unseren Blick nur wenige Meter Richtung Kuppenheim richten, sehen wir das Heim für wohnungslose Menschen. Bis zum Umzug der Firma basi nach Rastatt befanden sich in diesem Gebäude die Büros der Firma. Gleich daneben arbeitet heute eine hochmoderne Wasserkraftanlage. Nach Angaben der Stadtwerke erzeugt das Wasserkraftwerk am Gewerbekanal für ca. 150 Haushalte Strom, wobei der ökologische Aspekt doppelt wiegt. Zum einen erfolgt die Stromerzeugung kohlendioxydfrei und zum andern ist für Fische die Durchlässigkeit in Form einer Fischtreppe gewährleistet.


Der Baubeginn des Gewerbekanals im Jahr 1828 veranlasste im Übrigen bereits 1832 die Ingenieure, Geologen und Geographen, Pläne zur Murgregulierung zu erstellen. Die mittels einer Doppellinie eingezeichnete Änderung des Murgbettes zeigt den heutigen Verlauf des leider nicht mehr „frei“ fließenden Gewässers.


Wir setzen unseren Spaziergang fort und kommen dabei an einem kleinen Fischgewässer links des Wegs vorbei. Nachdem wir die Autobahn unterquert haben, sehen wir auf der rechten Seite das 1949 erbaute Acetylenwerk.


An das im Dritten Reich errichtete Arbeitserziehungslager, das an dieser Stelle stand, darf (muss!) erinnert werden. Ca. 30 Meter nach der Fußgängerbrücke zum Acetylenwerk wenden wir den Blick nach links und sehen ein Haus, hinter dem man heute noch Reste der Fundamente der ehemaligen Eisenbahnbrücke finden kann. Exakt hier überquerte ehemals die Bahnlinie Rastatt - Baden Oos die Murg und den Gewerbekanal. Der erste Zug dampfte im Jahr 1844 über die Brücken. Mit der vielbefahrenen A5 im Rücken ist es in diesem Zusammenhang interessant, kurz auf die Verkehrsinfrastruktur unserer Heimat zu schauen, die bereits vor vielen Jahrhunderten für das Wohlergehen von Dorf- und Stadtbewohnern unerlässlich war.


Durch unsere geografische Lage am Ausgang des Murgtals führten immer wichtige Land- und Wasserwege – nachweisbar seit der Römerzeit – durch unsere Heimat. So war es u. a. dem Holzhandel (Flößerei) mit den Niederlanden zu verdanken, dass im Murgtal ein gewisser Wohlstand einzog. Im 16. Jahrhundert schlossen sich die Holzproduzenten und -verarbeiter zur „Murgschifferschaft“ zusammen und organisierten den Transport des im Murgtal geschlagenen Holzes per Floß. Erst im Jahre 1913 wurde das Flößen abgelöst durch die Nutzung von LKW und Bahn.


Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden vielerorts neue Murgübergänge wie z. B. die steinernen Brücken in Kuppenheim und Niederbühl, und in Rastatt wurde im Jahr 1876 der Startschuss zum Bau der Murgtalbahn gegeben, die seit 2002 als Stadtbahn betrieben wird.


Zum Schluss dieses Artikels sei vermerkt, dass man nicht nur den großen Wirtschaftsnationen unserer Zeit einen Hang zum Protektionismus vorwirft. Bereits vor fast 250 Jahren, so nachzulesen im Landesarchiv unter der Archivalieneinheit 220 Nr. 881, stritten sich von 1780 bis 1782 Müller aus Rastatt mit einer


„… Beschwerde gegen den Müller Franz Anton Krämer in Kuppenheim wegen Mahlens für Rastatter Kunden sowie generelles Verbot für auswärtige Müller.“


Heute würde man sagen: „Das Kartellamt grüßt.“


Herausgeber

Pfarrgemeinde St. Laurentius Niederbühl, in der Kirchengemeinde Vorderes Murgtal, vertreten durch das Gemeindeteam.

Autor (Text- und Gestaltung)

Erstellt im Juli 2021

Blogbeitrag

Erstellt im Dezember 2021 vom Heimatverein Niederbühl-Förch durch Marcus Wirth

Fotografien

Sofern nichts anderes vermerkt ist, stammen die Fotografien von Wolfgang Braun

Beitrag zum download

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