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Tanz um den Freiheitsbaum

Folge 21 von Wolfgang Braun
Erstellt im September 2021. Digitalisiert vom Heimatverein Niederbühl-Förch e. V. im Dezember 2021
Vielen Dank unserem Gründungsmitglied Wolfgang Braun, dass wir seinen Artikel hier veröffentlichen dürfen.

Wo für die Freiheit Blut geflossen ist

Wenn das Altenwerk eine solche Überschrift formuliert, dann gehen die Gedanken zurück an den 26. Juni 1974, als der damalige Bundespräsident Gustav Heinemann bei der Eröffnung der „Rastatter Erinnerungsstätte für die Freiheitsbewegungen in der deutschen Geschichte“ im Rastatter Schloss u. a. folg. Worte sprach:


„Die Demokratie ist nicht vom Himmel gefallen, sie ist nichts Statisches, sondern müsse sich immer wieder an gesellschaftliche Veränderungen anpassen. Sie ist darauf angewiesen, dass sich Menschen engagieren, nicht nur schimpfen, sondern handeln.“

Er erinnerte daran, dass es seit der Französischen Revolution auch in Deutschland – obwohl es oft verboten wurde – in Mode kam, Freiheitsbäume aufzustellen. Rasch gehörte der Tanz um den Freiheitsbaum zu den Ritualen bei den Feierlichkeiten des französischen Nationalfeiertages. Ist Ihnen bekannt, dass das deutsche Originalbild aus dem Jahr 1792 im Innenhof des Rastatter Freiheitsmuseums hängt und den Idealen der Französischen Revolution „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ gewidmet ist?

Bildquelle: Bundesarchiv, Erinnerungsstätte für die Freiheitsbewegungen in der deutschen Geschichte, Rastatt

Gerade in Süddeutschland gibt es Parallelen zum Freiheitsbaum der Franzosen. So steht das Stellen des Maibaumes als Symbol des Lebens, für Wachstum, Fruchtbarkeit und Standhaftigkeit. Diese Standhaftigkeit der Freiheitskämpfer gegen die Fürstenherrschaft fand bei uns ihr jähes Ende, als im Jahre 1849 großherzogliche- und preußische Truppen diesen Traum von Freiheit, dem auch Niederbühler Bürger zum Opfer fielen, beendeten. Daher befassen sich aus Niederbühler Sicht folgende Zeilen mit den Antworten auf drei Fragen:


1. Warum steht an der Abzweigung nach Förch eine Pyramide?
2. Warum hat Niederbühl so gut wie keine historische Bausubstanz?
3. Warum beschäftigte sich sogar im Jahr 1851 die „Allgemeine Zeitung München“ mit Niederbühl?

Hier der Versuch, die Fragen zu beantworten:

In der Endphase der Badischen Revolution wurde ab Ende Juni 1849 die Rastatter Festung von preußischen Truppen eingeschlossen und beschossen. Als Verzweiflungstat unternahmen etwa 1000 Aufständische einen Ausfall in Richtung Rauental und Niederbühl, um die gefährliche feindliche Artillerie auszuschalten, die sich hinter dem damaligen Bahndamm (Nähe der Pyramide in Richtung Kuppenheim) aufgestellt hatte.





Niederbühl wurde an jenem „Schwarzen Tag“ (9. Juli 1849) fast völlig zerstört; auch die gerade erst 50 Jahre alte Dorfkirche brannte völlig aus




Bildquelle: „Beschuss der Pfarrkirche im Jahr 1849“, vgl. Niederbühler Heimatbuch S. 388







Das steinerne pyramidenförmige Denkmal an der Straße Richtung Kuppenheim erinnert an die, am 8. Juli 1849 Gefallenen des 20. königlich-preussischen Inf. Regimentes.


170 Jahre danach erstaunt es, wenn man feststellt, dass viele überregionale Zeitungen sich mit den Geschehnissen ausführlich befassten. Hier ein wörtlicher Auszug der „Allgemeine Zeitung München“ aus dem Jahr 1851: (Rechtschreibung wurde angepasst).





„ … die zerschossenen Häuser des armen Dörfchens Niederbühl sind noch nicht wieder vollkommen aufgebaut, und der Turm seiner Kirche mit niedergebranntem Dach und leeren Fensterbohlen sieht uns traurig an …. An dem Damm (gemeint ist der Bahndamm, der an der Förcher Kreuzung Richtung Baden-Oos führte) lehnte sich damals die preußische Batterie, und obgleich es lebensgefährlich war hier oben zu spazieren, so machten sich doch die Soldaten nicht selten das Vergnügen, wenn eine Kugel vorbeigesaust war, dem Feinde ... zu telegraphieren, sie habe nicht getroffen.“

Dieser Textauszug (es gibt deren noch viele) beantwortet die Frage, weshalb es in Niederbühl so gut wie keine historische Bausubstanz gibt.




Es ist bezeichnend, dass in den meisten Veröffentlichungen selten vom Leid gefangen genommener Soldaten berichtet wird. Jeder, der die Kasematten in Rastatt besuchte wird mit Schaudern folgende Zeilen lesen. Diese stammen von einem preußischen Soldaten, der die Barbarei, Erniedrigung, des militärischen Gegners, aber auch an Zivilisten eindrucksvoll als Warnung für seine Kameraden beschreibt. Sein Buch, herausgegeben in Brüssel im Jahr 1849 lautet:





„Reue eines preußischen Soldaten über die Greuelthaten des herrlichen Kriegsheeres in Baden“.
Gefecht Nähe der Pyramide zu Niederbühl, 8. Juli 1849; Bildquelle: Niederbühler Heimatbuch, S. 187

Zur Situation in Rastatt schreibt er auf Seite 22:

„Kameraden, soll ich euch von Rastatt erzählen, von dieser Blutstadt, wo die armen Gefangenen zu Tausenden in unterirdische Löcher gesperrt sind, damit sie hier lebendig verfaulen, wo sie geradezu wie wilde Tiere behandelt werden, auf welche der preußische Soldat schießt, sobald sie sich an ihren Gittern zeigen … Ihr, die preußischen Soldaten, habt ein schönes deutsches Land (gemeint ist Baden) zu einer Mördergrube, zu einer Höhle des Jammers und Elends gemacht. Ihr habt ein braves, freiheitsliebendes, gebildetes Volk hingemordet.“ … „Jüngst sollte in der Kaserne ein badischer Soldat 25 Prügel bekommen. Da trat ein Unteroffizier hervor und sagte dem preußischen Offiziere: ‚Die Prügelstrafe ist in Baden gesetzlich abgeschafft.‘ So, erwiderte der Offizier, ‚dann bekommt er fünfzig.‘ Und wisst ihr, wie der Mensch heißt, der diese Prügel diktierte? Dieser Mensch heißt Herr von Brandenstein und ist einer eurer Offiziere. Herr von Schweinehund, Herr von Schuft, Herr von Untier … sollte dieser Mensch heißen.“

Gerade Teilnehmer an den Veranstaltungen des Altenwerkes, die den 2. Weltkrieg bzw. dessen Auswirkungen mit all seinen Schrecken erlebt haben, sollten – und sei es nur mittels Erzählungen an Enkelkinder – alles tun, dass auch diese sich an den „Tanz um den Freiheitsbaum“ lebenslang erinnern und aktiv für die hart erkämpfte Freiheit eintreten.



Herausgeber

Pfarrgemeinde St. Laurentius Niederbühl, in der Kirchengemeinde Vorderes Murgtal, vertreten durch das Gemeindeteam.

Autor (Text- und Gestaltung)

Erstellt im September 2021

Blogbeitrag

Erstellt im Dezember 2021 vom Heimatverein Niederbühl-Förch durch Marcus Wirth

Fotografien

Sofern nichts anderes vermerkt ist, stammen die Fotografien von Wolfgang Braun

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