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Pfarrkirchen in Niederbühl von der Zeit der Salierkaiser bis heute

Aktualisiert: 22. Jan. 2022

von Wolfgang Braun

Erstellt im April 2021. Digitalisiert vom Heimatverein Niederbühl-Förch e. V. im Dezember 2021. Vielen Dank unserem Gründungsmitglied Wolfgang Braun, dass wir seinen Artikel hier veröffentlichen dürfen.

50 Jahre Laurentiuskirche Niederbühl 1971 - 2021

Deckenleuchte in der „neuen“ Laurentiuskirche mit Blick von der Empore im winterlichen Morgenlicht. Darin spiegeln sich die Glasbausteine der Ostseite der Kirche.


Folgende Punkte sollen zum Nachlesen einladen

Ein Ereignis, das die Welt veränderte

Dieses, die Welt verändernde Ereignis war natürlich nicht die erste urkundliche Erwähnung Niederbühls im Jahre 1057. Nein, es war der Investiturstreit,¹ ein Konflikt im mittelalterlichen Europa zwischen geistlicher und weltlicher Macht um die Amtseinsetzung von Geistlichen und die Frage, wer Kaiser krönen darf.


Exakt in dieser Zeit unterzeichnet der gerade siebenjährige Kaiser Heinrich IV. [* 1050, † 1106] in Worms die Gründungsurkunde des Ortes Niederbühl, indem er ein Kreuz setzte.²

 
² Diplome Heinrichs IV. Worms 1057, DD HIV Nr. 277, entnommen aus: http://www.hist-hh.uni- bamberg.de
 
Textauszug der Urkunde:
„Heinrich schenkt der bischöflichen Kirche zu Speyer³ das Gut (Nieder-) Bühl im Ufgau mit der Auflage, dass aus dessen Einkünften am Grabe Kaiser Heinrichs III. eine ewige Lampe unterhalten werde. Worms 1057 April ⁵.“

Mit der Gründung ging Niederbühl, seit 1057 Puhile, ab 1355 Nidern Buhel ⁴ genannt, in den Machtbereich des Bistums Speyer über. Bereits 19 Jahre später, im Winter 1076/77 musste der im Streit mit Papst Gregor VII. liegende Heinrich über die Alpen nach Canossa (Oberitalien) ziehen, um sich im Büßergewand bei Eiseskälte vom Kirchenbann lösen zu lassen.




Kniefall Heinrichs vor der Siegel Heinrich IV.5 Burgherrin von Canossa

​Siegel Heinrich IV.⁵

Zwischenzeitlich im Besitz der Ebersteiner Grafen, fiel der Ort im späten 14. Jh. an die Markgrafen von Baden. In dieser Zeit entwickelte sich das kirchliche Leben in Niederbühl und Förch. Die älteste schriftlich vorliegende Quelle eines Pfarrers in Niederbühl stammt aus einer Urkunde vom 2. März 1355.

 

³ Das Bistum Speyer wurde bereits Anfang des 7. Jhs. gegründet.

⁴ „puhile" steht für Bühl (Hügel / Buckel), Nidern Buhel somit für niederer Hügel, wohl in Abgrenzung zur heutigen Stadt Bühl. Seit 1102 taucht kurzzeitig auch die Ortsbezeichnung „Hirschbühl“ auf, worauf auch heute noch der Hirschbühl- weg hinweist.
⁵ Bildquelle, Generallandesarchiv Karlsruhe, A Nr. 92
⁶ Bildquelle: https://de.wikipedia.org
 

Der Text lautet auszugsweise:⁷


„Walram von Trier, Propst zu St. German vor Speyer, regelt unter Zuziehung … des

Pfarrers Sifrid ⁸in Niederbühl … und anderer Personen sowie mit Konsens von

Äbtissin und Konvent zu Lichtenthal die Kompetenz des Pfarrers in (Hauen-) Eberstein

aus den Erträgnissen der Pfarrei, die dem Kloster Lichtenthal inkorporiert ¹⁰ ist.“

Leider ist aus den Unterlagen nicht zu entnehmen, an welchem Platz das Gotteshaus der Pfarrei Niederbühl stand. Exakte Informationen sind deshalb schwer zu recherchieren, da die Aufzeichnungen in den Kirchenbüchern erst ab dem Jahr 1697 beginnen.

 
⁷ Text und Bildquelle: Landesarchiv Baden-Württemberg, Abt. Generallandesarchiv Karlsruhe, Findbuch 35 Nr. 184
⁸ Er selbst bezeichnete sich als „Syfriden von Voerhech, Kirchherr zu Buehl“.
Kompetenz ist das Einkommen des Pfarrers, das sich weitestgehend – neben Spenden – aus anteiligen Zinseinnahmen von Pfründen und des Zehnten zusammensetzte.
¹⁰ inkorpieren = eingliedern; lateinisch incorporare = einverleiben
 

Seit mehr als 600 Jahren: Patronatsrecht St. Laurentius

Ab 1388, also nur 33 Jahre nach der Ersterwähnung der Pfarrei in Niederbühl, übte Markgraf Rudolf VII. das Patronatsrecht¹¹als Grundherr aus. Grundherr konnte ein Mitglied des Adels oder ein Kloster sein. Der oberste Grundherr war der König bzw. Kaiser. Als Eigentümer des Landes übergab der Grundherr dieses zur Bearbeitung an leibeigene Bauern. Hierfür mussten diese Frondienste leisten bzw. Gült oder den Zehnt abgeben. Diese beiden Begriffe bezeichnen eine aus einem Grundstück an den Grundherrn zu zahlende Steuer, Abgabe, ein Pfand oder eine Geldrente.


Markgraf Rudolf VII. stimmte u. a. auch zu, dass der Heilige Laurentius als Schutzheiliger in Niederbühl verehrt werden darf. Aus einer Urkunde des Freiburger Diözesan-Archives geht her-vor, dass ab dem Jahr 1400 das Laurentiuspatrozinium nachweisbar ist.¹²



Um Laurentius (hingerichtet am 10. August 258 in Rom) ranken sich mehrere Legenden.

So soll er als Diakon des Bischofs Sixtus II. das Amt des Vermögensverwalters innegehabt haben. Von Kaiser Valerian wurde er eines Tages aufgefordert, den Kirchenschatz binnen drei Tagen zusammenzutragen und herauszugeben.


Daraufhin verteilte Laurentius diesen an die Mitglieder der Gemeinde, versammelte eine Schar von Armen und Kranken, Verkrüppelten, Blinden, Leprösen, Witwen und Waisen und präsentierte sie dem Kaiser als „den wahren Schatz der Kirche“. Der Hauptmann, vor dem Laurentius erschienen war, ließ ihn deswegen mehrfach foltern und dann auf einem glühenden Eisenrost hinrichten. Aus diesem Grund wird der Märtyrer meist mit einem Rost als Attribut dargestellt.¹³


 
¹¹ Modern würde man das Patronatsrecht als Schirmherrschaft bezeichnen.
¹² Freiburger Diözesan-Archiv, Geschichte, Altertumskunst und christliche Kunst, zwölfter Band. Zitat aus 10. Kapitel, Geschichte der Pfarreien, J. B. Trenkle, Karlsruhe, S. 41, zitiert nach: https://freidok.uni-freiburg.de
¹³ Bildquelle: Der Heiligen Leben, Augsburg, 1489, S. 482, zitiert nach: https://digi.ub.uni-heidelberg.de
 

Gräueltaten all überall: Der Dreißigjährige Krieg

Dieser Krieg war ein Konflikt um die Vorherrschaft im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation und in Europa, der 1618 mit dem Prager Fenstersturz als Religionskrieg begann und in einen verheerenden „Flächenbrand“ mündete. Vordergründig stritt man um den „rechten“ Glauben, also um Protestantismus oder Katholizismus. Darüber hinaus ging es aber vor allem um die Sicherung und Erweiterung von Machtsphären.


1648 endete der Krieg, dessen Feldzüge und Schlachten überwiegend auf dem Gebiet des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation stattgefunden hatten. Die Kriegshandlungen und die durch sie verursachten Hungersnöte und Seuchen hatten ganze Landstriche verwüstet und entvölkert. In Teilen Süddeutschlands überlebte nur ein Drittel der Bevölkerung. Nach den wirtschaftlichen und sozialen Verheerungen benötigten einige der vom Krieg betroffenen Gebiete mehr als ein Jahrhundert, um sich zu erholen.


Folgendes Zitat ¹⁴ spricht für sich:


„ ... bis dann der Dreißigjährige Krieg [1618 bis 1648], das lähmende Unheil, das über Deutschland je geherrscht mit Not und Pest, mit ewiger Bedrohung und Gefahr, auch Rastatts Aufstieg nichtig machte.“






Auch in Niederbühl wurden Häuser und Viehbestände der Landwirte fast vollständig vernichtet.¹⁵










Ein wertvolles Werk der Goldschmiedekunst aus dem späten Mittelalter ist die Monstranz, welche heute noch bei Kirchenfesten zum Einsatz gelangt. Sie besticht durch reich vergoldetes Maßwerk, welches von zwei Silberfiguren begrenzt wird.








Französische Truppen verwüsten unsere Heimat

Die Zerstörungen des Dreißigjährigen Krieges waren noch nicht überwunden, da zogen schon die Truppen Ludwigs XIV. ab 1683 durch den Westen Deutschlands. Vor allem ein Name rief im ganzen Land Angst und Schrecken hervor: General Comte de Mélac, der Mordbrenner, dämonisiert als Monster, „Urvater“ der „Deutsch- französischen Erbfeindschaft“, der z. B. auch in Heidelberg, Mannheim, Speyer, Worms nur verbrannte Erde hinter-ließ. Auch Niederbühl und Förch wurden niedergebrannt, ¹⁶ weshalb es auch keine Pfarrkirche mehr gab.


Die Niederbühler Kirche: Wieder eine Ruine

Erneut war es die fast verzweifelt klingende Entscheidung:


„Diese, unsere Kirche, muss neu aufgebaut werden!“


1690 war es so weit; es entstand eine Kirche mit spitzem Turm, geteiltem Langhaus und gewölbtem Chor.








90 Jahre danach erklärte eine Kommission dieses Gebäude als „ruinös“. Es stürzte im Jahr 1790 wegen Baufälligkeit ein.


Acht Jahre später konnte man – mit Unterstützung der markgräflichen Verwaltung – den Grundstein für den Neubau legen.


Für diese Kirche fertigten bereits die Orgelbauer der Familie Stieffell ¹⁷ die Orgel.


Die kunsthistorische Literatur bezeichnet den Kirchenneubau als


„… einfachen Bau, ohne Stil, mit 200 Sitzplätzen ohne besonderen künstlerischen Wert.“ ¹⁸





Grundrissentwurf der 1798 erstellten Kirche

Das Bild zeigt die Kirche mit barockem Turmhelm bis zur Zerstörung 1849 ¹⁹

 
¹⁴ Hermann Busse: Der Ufgau, Streifzug durch Landschaft und Volkstum, Seite 50, aus: Zeitschrift Badische Heimat, 1837, Freiburg i. B.
¹⁵ Bildquelle, Badische Zeitung, https://www.badische-zeitung.de
¹⁶ Kuppenheims Stadtchronik sagt aus, dass in Kuppenheim lediglich ein einziges Haus die Feuerbrunst überstanden hat.
¹⁷ Näheres erfahren Sie auf Seite 25 ff. ¹⁸ vgl. Kirchenführer Niederbühl, Kenz, Gaiser, Kunstführer Nr. 972, 1972, München & Zürich, S. 2 ¹⁹ Bildquelle: Heinz Bischof, Heimatbuch Niederbühl und Förch, Rastatt 1988, S. 183
 

Der Ruf nach Freiheit – erstickt von Kanonen

Das Gedankengut der französischen Revolution beeinflusste in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts große Teile Mitteleuropas. Vor allem entlang des Rheins wurde der Ruf nach politischen Reformen laut. Neben dem Wunsch nach einer Einigung Deutschlands, das zu dieser Zeit in viele Kleinstaaten zersplittert war, wurden Forderungen nach einer konstitutionellen Monarchie oder einer Demokratie als Regierungsform immer stärker. In den Jahren 1848/49 kam es im Großherzogtum Baden zu revolutionären Unruhen mit kriegsähnlichen Ausmaßen, die am 23. Juli 1849 durch preußische Truppen in Rastatt niedergeschlagen wurden.


Wiederaufbau der Kirche nach der Revolution

Der Kampf um die Festung Rastatt war für Niederbühl ein folgenschweres Ereignis. Weil sich die Preußen bei Niederbühl festgesetzt hatten und auch die Kanonade von hier aus geleitet wurde, ließ der Chef der Festungsartillerie das Dorf in Brand schießen.

Major Heilig gab am 9. Juli 1849 („Schwarzer Tag zu Niederbühl“) den Befehl „Feuer frei“. Die Mehrzahl der Häuser wurden beschädigt oder zerstört. Auch die gerade erst 50 Jahre alte Dorfkirche brannte völlig aus. Durch die Zwangsevakuierung der Bewohner nach Haueneberstein konnten sich die Flammen ungebremst ausbreiten.



Beschuss der Pfarrkirche im Jahr 1849 ²⁰



 
²⁰ vgl. Heimatbuch a. a. O., S. 388
 

In dieser Zeit (von 1845 bis 1858) wirkte Pfarrer Johannes Placidius Brüderle in Niederbühl. Wie schrecklich der Seelsorger diese Epoche erlebte, bezeugt ein Auszug des von ihm verfassten Textes im Kirchenbuch vom November 1851.


„ ... wir möchten also das Dorf morgens frühe verlassen. O Jammer, o Elend! Wonaus, wohin?“ Ferner steht geschrieben: „… steckten allerorten durch Brennen der Pechkränze die Häuser an, wobei auch unsere Kirche ein Raub der Flammen wurde, weil niemand da war, der dem Feuer Widerstand leisten konnte.“

Das zerstörte Dorf, Juli 1849 ²¹

Es ist bewundernswert, wie die Dorfbewohner trotz unermesslicher Not und unter beträchtlichen Entbehrungen zusammenhielten und dafür sorgten, dass in den Jahren 1851 bis 1853 auch die Pfarrkirche wieder instand gesetzt wurde. Anstelle des ehemaligen barocken Zwiebelturmes errichtete man einen Spitzturm.


 
²¹ Das Bild stammt von dem Maler und Graphiker Friedrich Kaiser, entnommen aus: https://www.leo-bw.de
 

Die Pfarrkirche im 20. Jahrhundert

Das folgende Foto aus dem Jahre 1904 zeigt das Innere der alten Kirche, nach der Restaurierung des Hochaltars, ²² initiiert durch Pfarrer Geiger. Bis in das Jahr 1978 war dieses Gotteshaus „unsere alte Kirche“.

Bereits um 1900 gab es Pläne für einen Kirchenneubau. Der erste Weltkrieg vereitelte dieses Vorhaben und forderte darüber hinaus das Opfer, die Glocken zu militärischen Zwecken abzugeben.


Das Foto²³ zeigt die neuen Glocken, auf dem Weg zu ihrer Weihe im Jahr 1926.

Leider bleibt dem Autor dieser Schrift nichts anderes übrig, als die Sinnlosigkeit menschlichen Handelns zu wiederholen. Auch die Kriegsmaschinerie des 2. Weltkrieges forderte die Niederbühler Kirchenglocken als Tribut. Aber bereits im April 1949 konnte der damalige Seelsorger Pfarrer Wilhelm Rinderle die neuen Glocken weihen.

 
²² Sie stand auf der jetzt freien Grünfläche zwischen Kirchgasse und Murgtalstraße.
²³ Beide Fotos stammen aus dem Fundus von Wilhelm Kenz, überlassen von Norbert Kenz.
 

Von der alten Kirche zum Kirchenneubau

Altes und Liebgewonnenes bewahren oder neue Wege gehen?

Monatelang drohte oben formulierte Frage, die Gemeinde in zwei Lager zu spalten:


Wollen wir an der Hildastraße eine neue Kirche bauen oder die an der Murgtalstraße sich befindende alte Kirche sanieren?


Auf der einen Seite argumentierte man, die bestehende Kirche sei zu klein und die Bausubstanz extrem schlecht. Außerdem entwickelte sich der Wunsch nach einem Gemeindezentrum. Dies alles sprach für eine neue Kirche an einem entsprechend geräumigen Standort.



Einstmals ein malerischer Anblick,

die alte Kirche am Ooser Landgraben


Was aber sollte mit der alten Kirche geschehen?

Abriss oder Erhalt als Kulturdenkmal!

Hierüber entspann sich eine Diskussion, die weit über die Grenzen Niederbühls hinausgetragen wurde. Der aus Niederbühl stammende Albert Kiefer, Kunstprofessor an der Universität Frankfurt, setzte sich stark für den Erhalt des Kirchengebäudes ein und mobilisierte dabei eine Reihe bedeutender Persönlichkeiten. So wurde er z. B. vom Verhaltensforscher Konrad Lorenz, dem aus Niederbühl stammenden General a. D. Rudolf Wich und vielen Professoren-Kollegen unterstützt.


Eine Vielzahl von Protokollen berichten von mehreren Bürgerversammlungen und einer „Medienschlacht“ bisher noch nicht dagewesenen Ausmaßes. Von den örtlichen Tageszeitungen bis hin zur Illustrierten ‚Stern‘ und der Bildzeitung reichte das Spektrum einer emotional geführten Berichterstattung.


Gegen die Auflage des städtischen Bauordnungsamtes, die Kirche in Stand zu halten, legte die Pfarrgemeinde Widerspruch ein. In der Folge führten Witterungseinflüsse und massive Sachbeschädigungen zum fortschreitenden Zerfall des Gebäudes – und letztlich zu dessen Abriss.

Die Niederbühler Kirche wich der Gewalt des Baggers.

Quelle BNN vom 29.11.1978


Abrissbefürworter freuten sich über folgende, einem Protokoll entnommenen Zeilen:


„Noch rechtzeitig vor Weihnachten traf eine vom Freiburger Erzbischof und seinem Ordinariat dringend erwünschte Botschaft ein: Die vom Karlsruher Regierungspräsidenten Dr. Müller erteilte Genehmigung zum Abriss der alten St. Laurentius-Kirche …“

Ende November 1978 genügten schließlich drei Tage, um das niederzureißen, was ca.125 Jahre zuvor erbaut worden war.


Die neue Kirche der Mittelpunkt des Ortes

Im Nachhinein gesehen kann man die Entscheidung, die „Pfarrgärten“ (Ecke Hildastraße / Laurentiusstraße) von Wohnbebauung freizuhalten, als „glücklich“ bezeichnen. Im Jahr 1967 hatte der Stiftungsrat unter Vorsitz von Pfarrer Peter Schulz beschlossen, den Planungsauftrag für die im Bereich „Pfarrgärten“ zu erstellende Kirche mit Gemeindezentrum an das Architektenbüro Dipl.-Ing. Heinz Gaiser zu erteilen.


Dadurch war die Grundlage für den „Weg in die Moderne“ beim Kirchenneubau in Niederbühl geschaffen.

„… der Mensch schafft Kunst - und manchmal sogar Baukunst“ ²⁴

Heinz Gaiser war damals schon ein preisgekrönter Architekt, der u. a. die Höhenkapelle Hohritt bei Sasbachwalden geplant hatte. Diese diente nun in Niederbühl als Vorlage für eine Kirche, deren baulicher Charakter durch Geradlinigkeit, Sachlichkeit und Funktionalität unter vorwiegender Verwendung von Sichtbeton geprägt sein sollte.

 
²⁴ Aus einer Veröffentlichung des Stadtmuseums Rastatt vom 17. Juni bis 21. November 2010 über eine Ausstellung: Heinz Gaiser "Architekturzeichnung, Bilder, Projekte"
 

Obiger Grundriss der Kirche²⁵ hat die Form eines Rhombus, wo-bei der in die Bausubstanz eingefügte, auf dreieckigem Fundament errichtete, spitz zulaufende Turm das vierstimmige Geläut aus dem Jahr 1949 trägt. Das über dem Altarbereich hochgezogene, in bewegter Linienführung aus dunklem Eternitschiefer bestehende Dach, kontrastiert stark zu den grauen Sichtbetonwänden.

 
²⁵ Die Objektbeschreibungen sind den Unterlagen der Planungsgemeinschaft Dipl.-Ing. Heinz Gaiser und Dipl.-Ing. Klaus Kapuste entnommen.
 

Stationen des Kirchenbaus

Baubeginn in den ‚Pfarrgärten‘ an der Hildastraße


Rohbau mit Turmmontage

Überführung der Glocken in die neue Kirche im Jahr 1971


Das Richtfest wurde am 16. Oktober 1970 gefeiert. Ein Jahr später, am 21. November 1971 erfolgte die Benediktion.


Pfarrer Peter Schulz schreibt vor dem Einzug u. a. folgende Worte im Kirchenblatt:

„Mit der Benediktion beginnt für unsere Gemeinde ein neuer und entscheidender Abschnitt. Se übergibt unseren Händen ein Heiligtum, eine wichtige Zelle des Lebens Gottes hier in unserer Gemeinde, für uns und vielleicht für viele Generationen nach uns. Vorerst aber ist sie nicht viel mehr als eine äußere Hülle, eine angebotene Möglichkeit, die wir in der kommenden Zeit mit dem vielfältigen Leben einer guten Gemeinde zu erfüllen haben. Das erst gibt der neuen Kirche ihre eigentliche Schönheit und ihren unvergänglichen Glanz, auf den sie wartet. Denn wichtiger als die Kirche aus gemauerten Steinen ist der Tempel aus lebendigen Steinen, zu dem uns Gott mitten in der Welt zusammengefügt und geheiligt hat. Dass etwas davon in unserer Gemeinde sichtbar werde und dass dadurch gestärkt jeder seine Aufgabe in der Welt recht erfüllen könne, dazu soll das Haus der Kirche uns Hilfe sein.“

Außenansicht der 1971 eingeweihten Kirche

Blick ins Innere der Kirche


Den Hauptzugang zur Kirche bilden zwei sich zum Kirchplatz hin öffnende, mit grau emaillierten Blechen verkleidete Türen.


Ein großer roter Punkt auf jeder Tür, der sich auf dem Tabernakel im Innern wiederholt, lockt zum Eintritt in die Kirche.



Tabernakel, positioniert auf einem Bergkristall




Der Innenraum der Kirche wird hauptsächlich durch die rauh geschalten Sichtbetonwände und der dunkel gestalteten Decke beherrscht, welche von sieben verleimten Holzbindern, deren längster 35 Meter lang ist, getragen wird.

Glaswand mit dem Farbenspiel des Morgenlichtes in der Werktagkirche (Seitenkapelle)


Die verglaste Fläche umfasst ca. 250 qm und wurde von der Ehefrau des Architekten, Marianne Gaiser, gestaltet. Das Thema der Glasbausteine zeigt einen aufstrebenden, sich nach oben aufrankenden Lebensbaum.


Der Stamm des Lebensbaumes wächst in kräftigem Rot empor, tief-dunkles und helles Blau stellen die Blüten dar.


Die etwas erhöhte Altarzone mit dem blockartigen Altartisch aus Murgtäler Gertelbachgranit wird durch ein Dachoberlicht indirekt beleuchtet.


Ein ‚liturgisches’ Planungselement ist die Anordnung der leicht ansteigenden, halb-kreisförmig angeordneten Bankreihen. Diese erlauben den Besuchern eine ungestörte Sicht zum Altar.




Alte und neue Kunstwerke in unserer Kirche

Die Verbindung von „Alt“ und „Neu“, also eine Zusammenführung alter Kulturschätze und deren Präsentation in neuer Umgebung, lassen Kunstwerke aus der Barockzeit und des Mittelalters in einer ganz neuen Perspektive zur Geltung kommen.


So wurden die beiden, aus der Barockzeit stammenden Kruzifixe, die Kreuzwegdarstellungen sowie das Bild des Hl. Laurentius, die Statuen des Hl. Antonius, des Hl. Bonaventura, des Hl. Nepomuk und der Madonna mit Kind, von der alten Kirche übernommen und in den modernen Kirchenraum integriert.










Das Kreuz über dem Hauptaltar gilt unter Kunstliebhabern aufgrund der nach oben streben-den Form als besonders wertvoll.






















Kreuz hinter dem Seitenaltar im sonnen- durchfluteten Morgenlicht















Beim Übergang von der Haupt- zur Werktag-kirche grüßt die aus der Barockzeit stammende Statue der Madonna mit Kind. Durch ihre Haltung strahlt sie Kraft und Ruhe aus. Trostsuchende Menschen beteten bereits zu ihr in der alten Kirche, wo vor ihrer Statue nahezu immer Kerzen brannten.


Beim Durchgang von der Kirche zum Pfarrsaal fristen die Statuen des Hl. Bonaventura und des Hl. Nepomuk leider ein Schattendasein und wer-den oft übersehen.



Es lohnt sich aber, trotz der 800-jährigen Distanz, einige der ‚Weisheiten‘ z. B. von Bonaventura neu zu bedenken, wie z. B. seine Aussage:


Wir sollen mit unseren Worten so vorsichtig und so sparsam sein, wie der Geizige mit seinem Gelde.“











Bonaventura [* 1221 in Mittelitalien, † 1274 in Lyon], war einer der bedeutendsten Philosophen seiner Zeit. Viele Jahre arbeitete er als ‚General-minister‘ der Franziskaner. Als er schon Kardinal von Albano war, setzte er sich als Lebensziel zwischen zwei Zeitströmungen zu vermitteln und stellte sich hierbei die Frage:


„ … bin ich als Franziskaner dem gebotenen Armutspostulat total unterworfen, oder kann ich hier einen gemäßigten Standpunkt einnehmen?“


Er selbst bezeichnete sich als siebten Nachfolger des Hl. Franz v. Assisi. Über seine Namensgebung kündet folgende Legende:


Man brachte zu Franziskus ein im Sterben liegendes Kind namens Johannes. Er segnete es und es wurde gesund. Franziskus rief über dem Kind aus: oh buona ventura, oh gute Fügung, was später der Ordensnamen des Johannes wurde.





Johannes Nepomuk [* 1350 bei Pilsen, † 1393 gefoltert und ermordet in Prag], geriet als Generalvikar in einen Machtkampf zwischen König Wenzel IV. und dem Erzbischof von Prag, bei dem es um die Abgrenzung der weltlichen und kirchlichen Machtbereiche ging. Der Streit endete damit, dass Johannes Nepomuk auf Befehl König Wenzels anstelle des geflüchteten Erzbischofs von der Prager Karlsbrücke in die Moldau gestürzt wurde. Zeit-gleich mit Nepomuk hatte in Böhmen der Reformator Jan Hus gewirkt. Er war der Beicht-vater der zweiten Ehefrau von König Wenzel IV. gewesen.


Die im 16./17. Jahrhundert²⁶ entstandene Nepomuklegende vertauschte die beiden Geistlichen. So wurde Nepomuk als Beichtvater der Königin genannt und von der Brücke gestürzt, angeblich weil er dem eifersüchtigen König die Beichtinhalte der Königin nicht verraten wollte. Nach einer weiteren Legende wurde die Leiche des Nepomuk im Wasser der Moldau, von fünf Flammen gesäumt, gefunden. Daher wird er oft mit einem Sternenkranz über dem Kopf dargestellt und hält seine Finger – als Zeichen der Ver-schwiegenheit – vor den Lippen.²⁷


 
²⁶ In unserer Heimat kam der Hl. Nepomuk möglicherweise über Markgräfin Franziska Sibylla Augusta (1675-1733) zu Popularität. Die Markgräfin hatte ihre Jugend auf Schloss Schlackenwerth in Böhmen verbracht.
²⁷ Der Autor empfiehlt an der Brücke über den Ooser Landgraben (Murgtalstraße) eine kurze Pause einzulegen, denn auch dort ist der, Brückenheilige‘ zu bewundern.
 




Links neben der Orgel fanden die Kreuz-wegbilder, die ebenfalls von der alten Kirche übernommen wurden, ihren neuen Platz. Ein namentlich unbekannter Künstler erstellte die in Öl gemalten Bilder um 1850. In der alten Kirche waren sie in „schwerem“ Eichenholz gerahmt. Leider sind diese Rahmen nicht mehr auffindbar. An ihrem neuen Ort hat man die BiIder in Kreis-form angeordnet.














Der Rottweiler Künstler Siegfried Haas stellte Laurentius als Brot spendenden Diakon dar. ²⁸


Seine gebückte Haltung und die über- dimen-sional groß dargestellten Hände sollen von der Demut und Großherzigkeit des Diakons zeugen.


1981 segnete Pfarrer Doll – in Anwesenheit des Künstlers – die Statue.












Vier Jahre später freute sich die Gemeinde über die Ausgestaltung der großen grauen Betonrückwand hinter dem Altarraum. Hier wurden drei Batik- behänge der Rastatter Künstlerin Christel Holl angebracht. Sie sind in warmen kräftigen Rottönen gehalten, die stark zum grauen Beton kontrastieren. Am 12. November 1985 fand die Einweihung der Wandbehänge statt.

 
²⁸ vgl. die Ausführungen auf Seite 5
 

Die drei Batikarbeiten zeigen Symbole der Liturgie, das Gleichnis vom

Sämann und das Himmlische Jerusalem.

Batikarbeiten hinter dem Altarbereich


Die Stieffell-Orgel – ein wertvoller Klangkörper der Musica sacra

Neben den oben beschriebenen historischen Kunstwerken fand auch die alte Stieffell-Orgel in der neuen Kirche ihren Platz. Sie ist das zweite Instrument aus der Werkstatt der Gebrüder Stieffell, mit dem in Niederbühl Musica sacra interpretiert wird.


Das Vorgängermodell war in den Revolutionsjahren 1848/49 zerstört worden. Die von der Orgelbaufirma Kubak (Augsburg) bei einer Sanierung 1993/94 freigelegte Inschrift verdeutlicht die Auswirkung der Zerstörungswut dieser Tage. ²⁹


„Orgel erbaut im Jahre 1852/53 durch die Gebrüder Stieffell in Rastatt an Stelle der von denselben im Jahre 1818 gefertigten Orgel, welche am 8. Juli 1849 bei der Beschießung von Niederbühl samt Kirche verbrannte.“

Man kann es als einen Glücksfall bezeichnen, dass die Entscheidungsträger Mitte des 19. Jahrhunderts den Orgelneubau wieder der Familie Stieffell anvertrauten und auf die lange musikalische Tradition badischer Orgelbaukunst „Made in Rastatt“ setzten.


Bereits 1720 hatte sich Franz Stieffell, der „Urvater“ der Orgelbaufamilie in Mittelbaden niedergelassen. Sein Sohn Johann, Wagner- und Schreinermeister in Baden-Oos, war der Vater des späteren Hoforgelmachers Johann Ferdinand Balthasar Stieffell [* 1737, † 1818], der seine Lehrjahre in Würzburg verbrachte, bis er im Jahre 1767 Bürger in Rastatt wurde. Seine drei Söhne Franz Lorenz [* 1781, † 1835], Christian Valentin [* 1787, † 1861] und Max Ulrich [* 1790, † 1860] führten die Werkstatt von 1818 bis 1860 weiter. Dort schuf die Familie Stieffell ca. 80 Orgeln, die vornehmlich zwischen Rastatt, Offenburg und dem Elsass zu finden sind.³⁰

 
²⁹ Es ist ein vergilbter Handzettel, gefunden im Hauptventilkasten der Manuallade.
³⁰ Eine Übersicht bedeutsamer Orgeln finden Sie unter: https://de.wikipedia.org