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Erinnerung darf nicht enden – Arbeitserziehungslager in Niederbühl

Aktualisiert: 22. Jan. 2022

Folge 3 von Wolfgang Braun
Erstellt im Mai 2021. Digitalisiert vom Heimatverein Niederbühl-Förch e. V. im Dezember 2021
Vielen Dank unserem Gründungsmitglied Wolfgang Braun, dass wir seinen Artikel hier veröffentlichen dürfen.

Wenn Menschen in Niederbühl ausgenutzt, entrechtet, verfolgt und vernichtet wurden, so dürfen diese Schreckenstaten – auch fast 80 Jahre danach – nicht vergessen werden. Die Rede ist von den menschenunwürdigen Zuständen im ehemaligen Arbeitserziehungslager an der Landstraße zwischen Niederbühl und Kuppenheim.


Dieser Ort des Grauens wurde gemäß eines Erlasses von Heinrich Himmler durch regionale Gestapo-Dienststellen im Jahr 1942 eingerichtet. Das Lager, welche während der Zeit des Nationalsozialismus offiziell als Straflager bezeichnet wurden, diente in erster Linie zunächst der Disziplinierung und Umerziehung von Andersdenkenden, politischen Gegnern und Langzeit-Arbeitslosen.


Nicht unerwähnt bleiben soll die Tatsache, dass lokale Interessen der Industrie und der Gemeinden an der Disziplinierung und Ausbeutung der Arbeitskräfte mitwirkten. Man schätzt, dass es im Deutschen Reich (einschließlich der besetzten Gebiete) etwa 200 dieser Lager mit ca. 500.000 inhaftierten, ausgehungerten und ausgebeuteten Menschen gab. Laut der Statistik des Landesarbeitsamtes schufteten im Bereich Rastatt fast 4.000 ausländische Zwangsarbeiter. Rund die Hälfte stammten aus der Sowjetunion, aus Polen kamen 929 Männer und Frauen. Viele wurden im Daimler-Benz-Werk in Gaggenau eingesetzt. Aber auch in Rastatt stellten 12 Betriebe Kriegsgüter her, deren Belegschaft zu einem Viertel aus Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen bestand.


Offizielle Quellen über das Niederbühler Lager liegen dem Autor dieses Artikels nicht vor, jedoch gab es in der Generation der Eltern/Großeltern Menschen, die von „… mit Stacheldraht umgebenen Männerbaracken und einer Frauenbaracke“ berichteten“. Eine Handskizze (Fotografieren war strengstens verboten) des Heimatforschers und Hobbymalers Wilhelm Kenz zeigt acht Gebäude, davon eines im Rohbau, die sog. Frauenbaracke. Obwohl das Thema „Niederbühler Arbeitserziehungslager“ ein Tabuthema war, wurde oft berichtet, dass man - vom Arbeitseinsatz im Gleichschritt zurückkehrenden Gefangenen so manches Essbare zusteckte. In seinem Buch: „Wo´s d´ Dörflein sich erinnert“ berichtet der Niederbühler „Hobbypoet“ Lothar Herrmann u. a. von abscheulichen Strafmaßnahmen. So kam es oft vor, dass man selbst in strengsten Wintertagen Lagerinsassen in den eiskalten Kanal trieb. Lothar Herrmann beschreibt die Maschinerie der Gestapo wie folgt:

„Das Dorf schweigt, wie alle schweigen. Es ist die Zeit des Schweigens. Wer schweigt kann überleben. Wer redet ist tot, … ein Dorf erblickt die nationalsozialistische Barbarei.“

Lothar Herrmann war damals neun Jahre alt. Er erinnert sich an einen Wachmann namens Karl Weber, dessen Tochter Helga Rosenbaum (seinerzeit noch Kind) folgende Szene miterlebt hat:

„Ich sah einen Mann, der auf dem Boden kniete. Ein Wachmann drückte ihm den Kopf in sein Erbrochenes und zwang ihn, es zu essen.“

Und weiter Helga Rosenbaum:

„Ich habe dieses Bild noch heute genau in meinem Kopf. Wenn ich nachts nicht schlafen kann, dann kommt es manchmal in mir hoch.“

Das Bild zeigt die Frauenbaracke. Es wurde veröffentlicht in: Koch, Markus, „Das Arbeitserziehungslager Niederbühl“, Heimatbuch Landkreis Rastatt, 2013, S. 83

Henry Foltzer, ein vom Elsass kommender Gefangener schreibt:

„Eines Tages, als wir zum Lager zurückstiegen – ich glaube es war ein Sonntag – brach vor mir ein Russe plötzlich zusammen, tot. Ohne Zweifel starb er an Erschöpfung, denn wir hatten seit Langem kaum mehr etwas zu uns genommen. Die Wachmänner haben nicht einmal angehalten, man ließ ihn dort am Straßenrand liegen. Dies gab mir einen Stich ins Herz. Dieser Russe war jung, er würde sein Land nicht mehr wiedersehen, ich kannte noch nicht einmal seinen Namen.“
Text- und Bildquelle: Landeszentrale für politische Bildung BW,
Lehren & Lernen, der Weg des Erinnerns - Der Leidesweg der Zwangsarbeiter

Auf dem Ehrenhain unseres Friedhofes trägt ein Gedenkstein - neben 18 Namen - die Aufschrift: „In Erinnerung an die Verstorbenen des ehemaligen Arbeitserziehungslagers Niederbühl“. Dieser Stein soll die Gedanken an eine Zeit absoluter Menschenverachtung aufrecht erhalten, wohl wissend, dass es in der „Neuen“ Zeit, beginnend bei dem Zwangseinsatz von Arbeitssklaven aus Schwarz-Afrika über das Netz von Straf- und Arbeitslagern in der ehemaligen Sowjetunion (Gulag), China, Nordkorea, der ehemaligen DDR und leider in noch vielen weiteren Staaten zu unbeschreiblichen millionenhaften Verbrechen an der Menschenwürde kam und kommt. Diese kleine Dokumentation – von der Verfolgung vor der Haustüre bis zu weltweit „üblichen“ Praktiken der Menschenverachtung – will nicht mit erhobenem Zeigefinger auf Andere zeigen, sondern wachrütteln, allen Tendenzen entgegenzutreten, die irgendeine Ideologie über das Wohl des Einzelnen stellt.

Herausgeber

Pfarrgemeinde St. Laurentius Niederbühl, in der Kirchengemeinde Vorderes Murgtal, vertreten durch das Gemeindeteam.

Autor (Text- und Gestaltung)

Erstellt im Mai 2021

Blogbeitrag

Erstellt im Dezember 2021 vom Heimatverein Niederbühl-Förch durch Marcus Wirth

Fotografien

Sofern nichts anderes vermerkt ist, stammen die Fotografien von Wolfgang Braun

Beitrag zum download

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