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Krieg, Deportation und Flucht im 20. Jh.

7. Sept.
5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 8. Sept.

Wolfgang Braun, September 2026, zweite überarbeitete Version [1]


Durch die Folgen des Zweiten Weltkrieges wurden Millionen Menschen vertrieben, andere emigrierten oder mussten fliehen. Die Gesamtzahl der Geflüchteten und Vertriebenen in Europa belief sich bis Kriegsende 1945 auf geschätzte 50 bis 60 Millionen Menschen. [2]


„Menschen auf der Flucht“,


… eine Geschichte so alt wie die Menschheit.


Die deutsch-italienische Künstlerin Clorinda de Maio hat in Form einer Mischtechnik das Werk:

„Flucht aus Bethlehem“ erstellt. [3] 


Sie beschreibt ihr Werk in einem Begleittext als …


„ … Suche nach einem Ort der Sicherheit, einem Ort, an dem Liebe stärker ist als Angst.“


Flucht aus Bethlehem
Flucht aus Bethlehem

Menschen auf der Suche nach Heimat

Zwischen 1944 und 1948 wurden rund zwölf Millionen  Deutsche aus ihrer Heimat in Schlesien, im Sudetengebiet, in Ost- und Westpreußen, Pommern, der Schwarzmeer-Region und weiteren Ländern Ost- und Südosteuropas vertrieben. Viele von ihnen überlebten die damit verbundenen Strapazen nicht. [4]

Flüchtlinge verlassen 1944 die Gemeinde Rastadt (Berensaner Gebiet, Schwarzmeerregion)
Flüchtlinge verlassen 1944 die Gemeinde Rastadt (Berensaner Gebiet, Schwarzmeerregion)

Neubeginn in Niederbühl und Förch


In einem total zerstörten Deutschland waren Wohnraum, Lebensmittel, Kleidung usw. knapp und mussten nun noch mit den ankommenden „Fremden“ geteilt werden. An vielen Orten der Bundesrepublik entstanden Aufnahmelager. So auch in Rastatt, wo ab 1952 in einem ehemaligen Kasernengebäude in der Lützower Straße Heimatvertriebene untergebracht wurden.


Die wirtschaftliche und soziale Integration vollzog sich in einem langen Prozess. In der BRD wurde sie durch den Rechtsrahmen des Lastenausgleichsgesetzes, aber vor allem durch die wirtschaftliche Aufwärtsbewegung während der 50er Jahre, dem sog. Wirtschaftswunder gefördert.


Die Neubürgerinnen und Neubürger trugen hierzu durch ihre, in der alten Heimat erworbenen Qualifikationen, ihren Berufserfahrungen, ihre Leistungsbereitschaft, ihren Gemeinschaftssinn u.v.m. tatkräftig bei.


In ihrem Bestreben, sich eine neue Heimat zu schaffen, fiel die Wahl so mancher Vertriebenenfamilie auch auf Niederbühl.


Hier wurde u. a. Anfang der 50er Jahre das Baugebiet Werb mit der Weiherstraße erschlossen, um die Grundlagen zu einer dauerhaften Ansiedlung zu schaffen. Auf diese Weise erfuhr Niederbühl nicht nur einen Bevölkerungszuwachs, sondern auch kulturelle Impulse. Schließlich brachten die Neubürger ihre über hunderte von Jahren gepflegten Traditionen mit, die sie hier wieder aufleben ließen. Auch die „Durchmischung“ von katholischen und evangelischen Gläubigen bei Eheschließungen zwischen Einheimischen und Neubürgern sorgte für neue Impulse, die im Lauf der Zeit so manch verkrustete Denkweisen aufbrechen ließen.


Theodor Fontane [* 1819, † 1891]
Theodor Fontane [* 1819, † 1891]

Wir riefen nach Arbeitskräften – Es kamen Menschen


Eine weitere Gruppe von Menschen, die unsere Gesellschaft veränderten, sind die sog. Gastarbeiter. Während es für sie in ihrer Heimat kein Auskommen gab, boomte in den 50er Jahren die Wirtschaft in der neugegründeten BRD, deren Arbeitsmarkt leergefegt war. So schloss die Bundesrepublik im Jahr 1955 mit Italien das erste Anwerbeabkommen ab.

 

Es folgten Verträge mit Griechenland und Spanien (1960), der Türkei (1961), Marokko (1963), Portugal (1964), Tunesien (1965) und dem damaligen Jugoslawien (1968). Lange ging man von einem befristeten Aufenthalt der ausländischen Arbeitskräfte aus, kamen doch die meisten zunächst ohne Familienangehörige. Ihr Ziel war es, einen großen Teil des Einkommens nach Hause zu schicken oder zu sparen, um im Heimatland später eine bessere Existenz aufbauen zu können. Auch rund um Niederbühl arbeiteten diese Menschen beim Wohnungs- und Straßenbau und in den umliegenden Fabriken. 

Das Bild, aufgenommen auf einem Bahnhof in Sizilien, trägt den Titel:


„Auf nach Deutschland!“ [5]

 

Im Jahr 1964 begrüßte man den Einmillionsten Gastarbeiter mit einem Geschenk: Ein Moped. [6]


Ab Mitte der 60er Jahre nahm die Tendenz zu, dass die Gastarbeiter ihre Familien in die BRD nachholten und hier auch dauerhaft blieben. Leider hatten vor allem nicht berufstätige Frauen oft geringe Chancen, im deutschen Umfeld wirklich Fuß zu fassen, z. B. ihre Kinder im Schulalltag zu unterstützen usw. Es entwickelten sich „Parallelgesellschaften“, die teilweise bis heute noch fortbestehen.


Es darf aber nicht vergessen werden, wie sehr der Balkangrill, die italienische Eisdiele oder Pizzeria, der Dönerimbiss, das Chinarestaurant, die griechische Taverne usw. längst zu unserem Alltag gehören.


Wer will das noch missen?


Aussiedler, die unbekannten Deutschen


Aussiedler [7] und Spätaussiedler sind Zuwanderer deutscher Abstammung, die aus dem ehemaligen Ostblock in die BRD auswanderten. Bis Ende der 1980er Jahre kamen viele Menschen aus Polen und Rumänien, seit 1990 aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion.


Hier ein kurzer Überblick zu den Einwanderungsbewegungen


Die Auswanderung von Deutschen aus Rumänien (u. a. Siebenbürger Sachsen und Banater Schwaben) war eine der großen Migrationsbewegungen im 20. Jahrhundert.


Die erste Auswanderungswelle fiel in eine Zeit, als von 1965 bis zu seinem Sturz 1989 Nicolae Ceaușescu, das Land als einer der brutalsten Diktatoren des Ostblocks regierte. Die Folge: ca. 220.000 Rumäniendeutsche suchten bei uns ihre „neue“ Heimat.


Nach dem Sturz des Regimes öffneten sich die Grenzen, was zu einer massiven zweiten Ausreisewelle von über 200.000 Menschen in die Bundesrepublik Deutschland führte. [8]


Von ca. 750.000 Rumäniendeutsche im Jahre 1945 leben heute noch etwa 30.000 in Rumänien. 


Schlimm ging es auch den Russlanddeutschen. Viele von ihnen wurden bereits ab August 1941 unter Stalin nach Kasachstan und Sibirien zwangsumgesiedelt. Rund 350.000 von ihnen kamen in Zwangsarbeitslager, wo bis zu 150.000 Russlanddeutsche starben.


Allein 400.000 Wolgadeutsche wurden von Stalin der „kollektiven Kollaboration“ beschuldigt, und nach Sibirien und Zentralasien deportiert. Als Nachfahren deutscher Auswanderer konnten diese Menschen seit den 1960er Jahren auf Antrag in die Bundesrepublik einwandern, benötigten hierfür aber eine Ausreisegenehmigung ihres bisherigen Aufenthaltslandes. Dies war oft mit großen Schwierigkeiten verbunden. Jahrzehntelange Wartezeiten und Repressalien waren keine Seltenheit.


Mit der Öffnung des Ostblocks durch Michail Gorbatschow und dem Zerfall der Sowjetunion wurde diesbezüglich vieles leichter. So konnte die Mehrheit der Russlanddeutschen nach der Öffnung der sowjetischen Grenzen im Zuge der Perestroika emigrieren – von 1987 bis heute circa 2,4 Millionen Menschen.


Diese Zuwanderung erfasste auch unser unmittelbares Umfeld in Rastatt und Niederbühl. In diesem Zusammenhang sei an das damals geplante sog. BASI-Neubaugebiet (Bauplätze um den heutigen Netto-Discount Markt) erinnert, auf dem mehrgeschossige Wohnhäuser in verdichteter Bauweise errichtet werden sollten, um u. a. Wohnraum für Aussiedler zu schaffen. Realisiert wurden diese Pläne aus verschiedenen Gründen letztendlich nicht.


Abschlussgedanken: Heimat – Heimatlos


Auswanderung, Integration,

Einwanderung, Flucht, Migration

 

Das Bild der Künstlerin Maria Kontz, geb. 1953, spiegelt diese Themen als Bewegung in verschiedene Richtungen wider. [8]


Menschen driften auseinander,

um anderswo wieder neue Menschen zu treffen

und Heimat zu finden.

Tom Walz, Gouverneur von Minnesota schreibt zu dem geschilderten Problemkreis: [9] 


„Die Geschichte lehrt uns, dass Einwanderung nicht nur eine Herausforderung ist, sondern auch Wohlstand stärken kann.“

 

Unsere Welt ist durch all die fremden Einflüsse viellleicht komplizierter und stellenweise problembehafteter geworden; aber sie wurde dadurch reicher, bunter und vielfältiger.



 

Eine „bunte“ Gesellschaft ist weltoffen und kann aber auch heimatverbunden sein. 

 

Ich freue mich auf Reaktionen zu dieser These unter: braun-wolfgang@web.de



[1] Werden keine Bildquellen genannt, stammen die Bilder von Wolfgang Braun.

[2] Um den Rahmen dieses Artikels nicht zu sprengen wird die Situation während und nach des Ersten Weltkrieges nicht erörtert. Ferner kann auch auf das Schicksal von Juden, Sinti und Roma nicht explizit eingegangen werden. Die Zahlen wurden entnommen aus: Mediendienst Integration, Deportation, Vertreibung und Flucht 1933 bis 1945, Berlin 2026

[4] Bildquelle: Bundesarchiv, Bild 183-WÜ402-500, Foto: Dissmann, Juli 1944, entnommen aus:

[6] Bildquelle: „Ein Modped“  https://www.planet-wissen.de/

[7] „Aussiedler“ ist die offizielle Bezeichnung bis 1992, „Spätaussiedler“ die Bezeichnung ab 1993.

[8] Zahlen, auch folg. Abschnitte: Gwénola Sebaux, „(Spät-) Aussiedler aus Rumänien“,

Bundeszentrale für politische Bildung, Berlin 14.10.2019, u. a. Heft 340, S. 5

[9] Sein Großvater wanderte im Jahr 1867 von Kuppenheim in die USA aus.

Zitat aus: Badisches Tagblatt, 03.02.2026

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