Heimatlos sind viele auf der Welt
Aktualisiert: 9. Sept.
Wolfgang Braun, Oktober 2026; zweite überarbeitete Version [1]
Heimat – viel mehr als nur ein Ort
In fast allen gesellschaftlichen Bereichen, z. B. in Familien, am Arbeitsplatz, in Schulen, Organisationen, Glaubensgemeinschaften, in Vereinen … begegnen wir Menschen unterschiedlicher Herkunft. Viele leben bereits längere Zeit in Deutschland, viele sind neu zugewandert, viele flüchteten verzweifelt aus ihrer Heimat zu uns, andere verlassen Deutschland. In dieser Veröffentlichung wird versucht, sich mit dem Begriff „Heimat“ näher zu befassen. Zwei weitere Beiträge beinhalten Themen wie Flucht, Migration, Integration … , bezogen auf Menschen von Niederbühl und Förch.
![]() | „Heimatlos sind viele auf der Welt. Heimatlos und einsam wie ich. Überall verdiene ich mein Geld, doch es wartet keiner auf mich …“ [2] So sang Freddy, die „Schlagerlegende“ im Jahre 1957. (Gruftis kennen ihn noch). |
Ein Kritiker nannte den Schlager die „schrecklichste Schnulze des Jahres“. Doch „Schnulzen“ verkaufen sich blendend, spiegeln sie doch Erfahrungen wider, die zigtausend Menschen u. a. während des Zweiten Weltkrieges und in der Nachkriegszeit gemacht hatten, die Erfahrung plötzlich heimatlos und entwurzelt zu sein.

So lohnt es sich, einen Versuch zu unternehmen, über folgende Frage nachzudenken:
Was ist Heimat? |
Auf den ersten Blick scheint eine Antwort leicht zu sein:
Heimat ist der Ort, an dem wir geboren wurden oder unser Zuhause haben.
Aber was ist damit alles verbunden?
Sich heimisch fühlen bedeutet, sich wohlfühlen, Sicherheit und Geborgenheit spüren, vertraut sein mit seiner Umgebung u.v.m. Mit Heimat verbinden wir Familie, Freunde, gelebte Gemeinschaft, Vereins- und Religionszugehörigkeit sowie Traditionen, Bräuche, Sprache, ortsbezogene Geschichte ...
Herbert Grönemeyer drückt es so aus:
„Heimat ist kein Ort, Heimat ist ein Gefühl!“
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Diese Vielschichtigkeit macht es schwierig – wenn nicht sogar unmöglich – eine eindeutige und allgemein gültige Definition des Begriffs Heimat zu formulieren. Interessant ist, dass es in den meisten Sprachen keine adäquate Übersetzung des deutschen Begriffes Heimat gibt. So beschäftigt sich z. B. ein in den USA herausgebrachtes Buch mit dem Thema: „The German Idea of Heimat“.
Ist Heimat ein Begriff, der vor allem Deutsche anspricht?
Wie sehr wir den Begriff Heimat mit Erlebnis- und Gefühlszuständen verbinden, zeigt folgende Begebenheit:
Bei der Beerdigung von Ludwig Scharer [* 1923, † 2014], der mit Fug und Recht als Niederbühler Urgestein bezeichnet werden kann, wählte seine Familie für den Trauergottesdienst u. a. das Lied: [3]

„Heimat deine Sterne“
Für einen Außenstehenden wirft diese Liedwahl vielleicht einige Fragezeichen auf. Für Ludwig Scharer hatte dieses Musikstück aber eine ganz besondere Bedeutung: Als junger Mann war er tausende Kilometer weit entfernt von seiner Heimat Niederbühl auf den Schlachtfeldern des Zweiten Weltkrieges in einem sinnlosen menschenfressenden Krieg eingesetzt – nicht wissend, was der nächste Tag bringt und ob er ihn überhaupt überlebt. Ungewissheit und Angst nagten an ihm und all seinen Kameraden. Aber es gab etwas, an dem sie sich wenigstens ein Stück weit festhalten konnten:
„Heimat deine Sterne“
Ludwig Scharer und seine Kameraden sangen dieses Lied fast jeden Abend. Es ermöglichte ihnen, ihre Wehmut, Sehnsucht, aber auch ihre Hoffnung zum Ausdruck zu bringen. Ludwig Scharer war es gegönnt, in seine geliebte Heimat Niederbühl zurückzukehren.
Den Wert der Heimat hat er bis zu seinem Lebensende mit Sicherheit hochgeschätzt.
Heimat im Wandel der Zeit
Unternehmen wir einen Zeitsprung und gehen zurück in das Jahr 1851 als Wilhelm Ganzhorn [* 1818, † 1880] mit seinem Gedicht: „Das stille Thal“ die Vorlage für ein romantisches Volkslied schuf, das bis in die 1970er Jahre im Repertoire eines fast jeden Gesangvereins unserer Region fest verankert war. [4]

Wilhelm Ganzhorn schrieb die Verse von der Heimat im stillen Tal in einer Zeit, in der vieles im Umbruch war. Die Erfindung der Dampfmaschine und die sich daraus entwickelnde Industrialisierung brachte nicht nur technischen Fortschritt, sondern auch gravierende wirtschaftliche und gesellschaftliche Veränderungen. So verließen viele Menschen ihre ländliche Heimat und zogen in die wachsenden Städte, um dort in den Fabriken ihr Geld zu verdienen. Die Lebensumstände, die sie erwarteten, waren alles andere als rosig und führten oft in die Verelendung oder zwangen zur Auswanderung.
Wen wundert es da, wenn Heimat in Gedichten und Liedern zu einem Sehnsuchtsort, zu einer Idylle stitlsiert wurde. |
Nach der Gründung des deutschen Reichs im Jahre 1871 wurde der Begriff Heimat zunehmend auch als Synonym für Vaterland und Nation verwendet. Zwischen den beiden Weltkriegen hat man den Heimatbegriff mehr und mehr mystifiziert, ideologisiert und schließlich von den Nationalsozialisten im Rahmen ihrer Blut- Boden- und Vaterlandideologie propagandistisch missbraucht.
Heimat wurde nur noch auf das eigene Volk bezogen.
Somit bekämpfte man alles, was nicht Deutsch war und nicht den rassistischen Vorstellungen entsprach.
Nach dem Zweiten Weltkrieg stellten Flucht, Vertreibung und die Neuansiedlung von Heimatvertriebenen eine immense gesellschaftliche Herausforderung dar, was eine neue Diskussion über den Begriff Heimat zur Folge hatte.
Auch in Niederbühl und Förch musste man sich mit den Neuankömmlingen arrangieren und sie aufnehmen. Alle hatten die Veränderungen der eigenen Lebenswelt zu verarbeiten.
Als „Gegenpol“ dieser harten Realität spiegelt sich die große Sehnsucht nach einer heilen Welt wider, die in zahlreichen Heimatfilmen und -romanen sowie in vielen Schlagern beschworen wurde, was folgende kleine Auswahl zeigen soll: [5] [6]
Schwarzwaldmädel (1950) Grün ist die Heide (1951) Echo der Berge: Der Förster vom Silberwald, (1954) Die Geierwally (1956) Das Echo vom Königssee (1957) Drunt in der Wachau (1957) Drei Mädels vom Rhein (1955) Hohe Tannen (1960) Wenn abends die Heide träumt (1952) Die Försterliesel (1956) Gruß und Kuss vom Tegernsee (1957) Die Fischerin vom Bodensee (1956) | ![]() ![]() |
Mit den 1960er Jahren begann erneut eine Zeit des Wandels und des Aufbruchs. Traditionelle Bindungen und gesellschaftliche Zwänge, die sich während der fünfziger Jahre verfestigt hatten, wurden vehement in Frage gestellt. So fand auch ein Bruch mit dem historisch belasteten Begriff von Heimat statt.
Die 68er-Generation verband damit vor allem die Volkstümelei der Kriegsgeneration und lehnte dieses Heimatverständnis ab. Heimatverbundenheit oder gar Nationalstolz galten als reaktionär. Wie bemüht man um die Distanz zum alten und vorbelasteten Wortgebrauch von Heimat war, zeigt u. a. die Umbenennung des Schulfaches Heimatkunde in Sachkunde.
Ein Sprung aus den 1960er Jahren in die Gegenwart eröffnet wieder ein wachsendes Interesse an Heimatbezogenheit. Dies spiegelt sich nicht zuletzt in der Unterhaltungsbranche wider. Fernsehserien wie „Der Bergdoktor“, „Die Toten vom Bodensee“, „Nord Nord Mord“, „Tatort aus Münster, Ludwigshafen, München, Berlin, Stuttgart“ usw. erfreuen sich großer Beliebtheit. Auch die Musikszene hat die verschiedenen Mundarten für sich neu entdeckt. Kabarettisten und Comedians legen großen Wert auf ihre Heimatverbundenheit. Genannt seien „Schlachthof aus München“, „Kabarett aus Franken“ …
Sehnt man sich in Zeiten großer Unwägbarkeiten und Umbrüche wieder nach einem Stück ... Verlässlichkeit, Geborgenheit, Sicherheit und Zugehörigkeit? Angesichts von vielen Millionen entwurzelter Menschen stellt sich die Frage: | ![]() |
Gibt es eine Heimat in der Fremde? |
Diese Frage stellte bereits Johann Wolfgang von Goethe:
„Kann uns zum Vaterland die Fremde werden? … dir ist fremd das Vaterland geworden.“ [7]
Für einen zeitgemäßen Heimatbegriff plädiert der Germanist Hermann Bausinger [* 1926, † 2021].
Er spricht sich gegen eine Sentimentalisierung und somit auf eine Verengung des Begriffs auf eine Idylle aus und nennt als nicht mehr zeitgemäße Vorstellung exemplarisch das Bild vom „TV-Schwarzwald“. In der Fernsehserie „Schwarzwaldklinik“ wurde Woche für Woche fast 20 Millionen Deutsche eine sonntägliche „heile Heimatstunde“ geboten. Bausinger schreibt: (sinngemäß zitiert): [8]
Verwurzelt in der Vergangenheit – Offen für die Zukunft! Heimat könne nicht die idealisierte Vorstellung einer längst vergangenen Welt sein, wie sie die Heimatbewegung des 19. Jahrhunderts beschwor. Sie dürfe nicht eng definiert und rückwärtsgewandt sein. Heimat ist ein Projekt für die Zukunft, das von der Gesellschaft gestaltet werden muss.
Ernst Bloch, (Philosoph) [* 1885, † 1977] schreibt: [9]
„Heimat soll Platz haben für einheimische Traditionen, und offen sein für Fremde und Fremdes.“
Barbara Sommerer (Autorin, Künstlerin) meint: [10]
„Zuhause ist man da, wo man jemanden kennenlernt, der jemanden kennt, der jemanden kennt, den man kennt.“
Ferdinand Tönnies (Philosoph) [* 1855, † 1936] spricht von der ... [11]
„Kuhstallwärme der Heimat.“
Lothar Mol (Jo), geb. 1953, arbeitet seit 2012 mit Pinsel, Spachtel und Acrylfarben. Sein Malstil ist abstrakt expressiv, oft auch als Mischtechnik und Materialmix. [12] Bildtitel: „Menschen, Landschaft, Flucht“ | ![]() |
Text- und Billdquellen
[1] Werden keine Bildquellen genannt, stammen die Bilder von Wolfgang Braun.
[2] Hier ein Beispiel aus dem Jahr 1957: https://www.mix1.de/videos/freddy-quinn/heimatlos/
[3] Tonaufnahme aus dem Jahr 1941: https://www.youtube.com/watch?v=UKsAM_-BmeQ
[5] Bildquelle Schwarzwaldmädel: https://de.pinterest.com
[6] Bildquelle Fischerin vom Bodensee: https://www.listal.com/viewimage/9211926
[7] aus: Iphigenie auf Tauris, erster Akt, zweiter Auftritt
[8] „Der Heimatbegriff in Deutschland“, sinngemäß entnommen aus: Planet Wissen, WDR 2024
[9] vgl. Sendung DLF vom 03.10.2019 „Heimat – der offene Begriff“
[11] Tönnies war Soziologe, Nationalökonom und Philosoph. Mit seinem 1887 erschienenen Hauptwerk: Gemeinschaft und Gesellschaft wurde er zum Begründer der Soziologie in Deutschland.
[12] https://jos-art.eu/, 2016, Fotobearbeitung Wolfgang Braun












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