Neue Heimat in der Fremde
Aktualisiert: 2. Sept.
Wolfgang Braun, September 2026, dritte überarbeitete Version [1]
Auswanderung und Flucht im Blick der Jahrhunderte
Bevor die großen Auswanderungswellen der letzten drei Jahrhunderte – auch von Niederbühler und Förcher Bürgern – im Mittelpunkt der Betrachtungen stehen, sollen Fragen von Fluchtbewegungen angesprochen werden.
Migration, Integration, Willkommenskultur, Überfremdung, Fremdenfeindlichkeit
Dies sind Themenbereiche, die Politik und Gesellschaft seit dem Zustrom zigtausender syrischer und ukrainischer Kriegsflüchtlinge stark beschäftigt. Hinzu kommen die Flüchtlingsströme aus vielen afrikanischen Staaten, aus Afghanistan … [2]
Fakten des Schreckens
124 Millionen Menschen sind laut UNHCR-Bericht [3] zz. auf der Flucht. Alarmierend ist, dass etwas 40 Prozent aller Vertriebenen Kinder sind. Die Zahl der binnenvertriebenen Menschen betrug Anfang 2025 weltweit 83,4 Millionen. [4] |
Hauptgründe sind:
Krieg, Gewalt, Verfolgung ...
Die Auswirkungen der klimabedingten Vertreibungen sind enorm gestiegen. Der "Fluchtbericht" nennt für die ersten Monate des Jahres 2026 45 Millionen "Klimavertrievbene. [5]
Manchmal sagt ein Bild mehr als Worte.
![]()
| Die US-amerikanische Fotografin Shannon Jensen hat im Südsudan Schuhe einer Frau fotografiert, mit denen sie ihre Flucht quer durch die Sahara begann. Das Bild trägt den Titel: [6] „Auf und davon.“ |
Aber was hat dies alles mit Niederbühl zu tun?
Wie jede Kommune war auch Rastatt in den letzten Jahren verstärkt gefordert, Unterbringungsmöglichkeiten für Flüchtlinge zur Verfügung zu stellen. Hierbei war es unumgänglich, auch die Stadtteile mit „ins Boot“ zu nehmen.
So wurde in Niederbühl 2018 eine Gemeinschaftsunterkunft zur Anschlussunterbringung von Flüchtigen errichtet, die 45 Menschen Platz für eine – wenn auch nur vorübergehende – neue Heimat bietet. Vor diesem Hintergrund richtet sich an dieser Stelle der Blick zurück in die Vergangenheit (hier: 18. und 19. Jahrhundert). Es war eine Zeit, in der sich notleidende Menschen aus unserer Region aufmachten, um in der Fremde ihr Glück zu suchen, weil ihnen die Heimat keine Perspektiven mehr bot.
Von Niederbühl und Förch „in die Welt“
Auswanderung aus Verzweiflung
Nein – mutwillige Abenteurer waren die wenigsten, die im Laufe der Jahrhunderte Heimat, Familie und Freunde auf der Suche nach einer neuen, lebenswerten Existenz verließen. Die meisten waren das, was wir heute als Wirtschaftsflüchtlinge bezeichnen würden. Aber auch die Zahl politisch und religiös verfolgter Menschen war beträchtlich.
Auch in Baden waren Not und Elend allgegenwärtig.
Die Frage lautete:
Auswanderung oder Verelendung?
Bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts dominierte die kontinentale Auswanderung nach Ost- und Südosteuropa. Die Menschen zogen u. a. nach Ungarn, Rumänien (z. B. Banat, Siebenbürgen) und nach Russland (z. B. Gebiete an der Wolga), wo sie als Neusiedler kostenfrei Land erhielten, das sie für die Landwirtschaft nutzbar machten. In der Folge wurden Dörfer gegründet, Straßen gebaut, Gewässer schiffbar gemacht, Verwaltungsstrukturen geschaffen usw.
So entwickelten sich mit Fleiß und harter Pionierarbeit im Lauf der Generationen „blühende Landschaften“, die ihren Bewohnern Wohlstand und ein gutes Auskommen boten. Bei all dem blieb man größtenteils unter sich, bildete Enklaven, in denen die deutsche Sprache und Kultur gepflegt wurde. Die Notwendigkeit einer Integration in die jeweilige Gesellschaft des Gastlandes wurde von beiden Seiten lange nicht gesehen. So hatte man zwar eine neue Heimat gefunden, blieb aber trotzdem ein Stück weit fremd, was sich später z. B. im stalinistischen Russland und bei den Vertreibungen nach dem zweiten Weltkrieg bitter rächen sollte.
Im Zeitraum von 1820 bis 1939 sind in der Deutschen Auswanderer-Datenbank 10 Millionen Auswanderer im Passagierlisten erfasst. [7] Getrost könnte man den Begriff "Auswanderer" in dieser Zeit durch "Flüchtlinge", bzw. "Wirtschaftsflüchtlinge" ersetzen. |
Historiker sprechen von einer „Völkerwanderung“.
Ab der Mitte des 18. Jahrhunderts nahm die transatlantische Auswanderung mit dem „Traumziel“ Amerika Fahrt auf. Le Havre, Rotterdam, Antwerpen, Bremerhaven, Hamburg etc. waren Auswanderungshäfen, bei denen es fast unmöglich war, ohne Agenten einen Platz auf einem Schiff zu ergattern. Man war auf Gedeih und Verderb auf sie angewiesen, die auch Zubringerschiffe ab Basel, Karlsruhe, Mannheim, Stuttgart usw. vermittelten und dabei ihre Kunden oft skrupellos ausbeuteten. Man würde sie heute als Schlepper bezeichnen.
![]() | Das abgebildete Flugblatt bewirbt Auswanderungsmöglichkeiten von Rotterdam und Le Havre nach Amerika über den „Zulieferhafen“ in Mannheim. [8] |
Da viele Auswanderer die Überfahrt nicht bezahlen konnten, ließen sie sich anwerben. Dann wurde die Fahrt vom künftigen Arbeitgeber in Übersee bezahlt, für den man im Gegenzug dafür mehrere Jahre nur für Kost und Logis arbeiten musste.
Atlantiküberquerung, Martyrium und oft ein Horrortrip.
Die Segelschiffe, mit denen die Menschen der ersten Auswanderungswellen bis etwa 1880 Deutschland verließen, waren eigentlich Frachtschiffe, die Waren von Amerika nach Europa transportierten. Auf dem Rückweg war der Platz frei für Auswanderer – für die Reedereien ein willkommenes Zusatzgeschäft. Die Auswanderer mussten als „Fracht“ mehrere Wochen dicht gedrängt unter Deck bleiben, oft ohne Tageslicht und Frischluft. In den Anfängen der Atlantiküberquerungen starben viele Passagiere an Bord. [9]
![]() | ![]() |
Die mangelnden hygienischen Verhältnisse auf den Schiffen verursachten schwere Krankheiten. Auch Unterernährung forderte immer wieder ihren Tribut. Jeder Passagier musste seine eigene Verpflegung mitbringen. Diese war aus Kostengründen oft knapp kalkuliert und wenn dann die Überfahrt statt sieben Wochen zehn dauerte, reichten die Lebensmittel nicht aus und so mancher verhungerte, bevor er die Neue Welt erreichte.
Die Auswanderungswelle erfasste auch Niederbühl und Förch. So verließen z. B. 116 Bürger unserer Gemeinden zwischen 1840 und 1850 ihre Heimat. |
Bitte bedenken Sie, dass lt. „Hof- und Staatshandbuch des Großherzogtums Baden“, zu dieser Zeit in Niederbühl und Förch lediglich 870 Menschen wohnten.
In einer Liste des Generallandesarchivs Karlsruhe findet man ihre Namen in alphabetischer Reihenfolge zusammen mit ihrem Zielort (Adam Albertine, Nordamerika bis Wussler Zita, Ungarn). [10] Von ihnen wählten 75 Personen Nordamerika als Ziel.
Das Buch: „Auswanderungen aus dem Großherzogtum Baden“ (1872) beschreibt – hier exemplarisch betrachtet – das Ehepaar Alex und Albertina Wagner aus Niederbühl, das im November 1854 über Bremerhaven nach New York auswanderte. Vor dem Ablegen des Schiffes kam das Ehepaar – zusammen mit Menschen gleichen Schicksals – in Scheunen unter, da das Schiff entweder belegt oder noch nicht abfahrbereit war. Das Warten auf das nächste Schiff konnte Monate dauern.
"Hier herrscht eine Schweinewirtschaft, von der sich kein Mensch eine Idee macht!", …
so eine Kommission im Jahr 1847 in Bremerhaven. [11]
Stürme, Mangelernährung, Krankheiten, Kriminalität und menschenunwürdige Verhältnisse auf den Zwischendecks des Schiffes erlebte das Niederbühler Ehepaar auf der Überfahrt. So geriet u. a. das Hapag-Dampfsegelschiff Austria mit 538 Passagieren an Bord durch unsachgemäßes Hantieren mit Teer beim Ausräuchern der Decks in Brand und sank vor der Neufundlandbank – nur 89 Menschen überlebten.
Vom Tellerwäscher zum Millionär: Ein Mythos?
![The American Dream: Reichtum aufgrund harter Arbeit [12]](https://static.wixstatic.com/media/148f28_74448d7b479940bebfe02aa5f69ca9d0~mv2.png/v1/fill/w_936,h_537,al_c,q_90,enc_avif,quality_auto/148f28_74448d7b479940bebfe02aa5f69ca9d0~mv2.png)
Auswanderung war keineswegs eine Garantie für die sprichwörtliche Karriere vom Tellerwäscher zum Millionär. Auswanderer hatten oft in ihren Briefen nach Hause durch geschönte Berichte den Eindruck erweckt, in der neuen Heimat würde ihnen alles gelingen.
Kein Wunder, dass die Daheimgebliebenen „hin – und weg“ waren.
Als Ziel der Auswanderung wurde nicht immer das „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ gewählt. Weniger bekannt ist, dass Deutsche z. B. auch nach Afrika und Südamerika zogen.
Viele von ihnen sind verschollen; sie sind im wahrsten Sinne des Wortes „hin – und weg“.
Noch weniger bekannt ist, dass eine große Zahl der Ausgewanderten wieder zurückkehrte, um Illusionen ärmer und an Erfahrungen reicher.
Sie zogen „hin – und wieder weg“, nämlich zurück in die alte Heimat.
Wussten Sie, dass
… Johann Jakob Astor [* 1763 in Walldorf, † 1848 in New York] aus wirtschaftlicher Not Baden verließ und – beginnend mit einem kleinen Musikalienhandel – den Aufstieg zu einem der reichsten Männer Amerikas schaffte. Sein Name ist noch heute durch das "Walldorf-Astoria" weltbekannt.
… Ferdinand Graf von Zeppelin [*1838 in Konstanz, † 1917 in Berlin], der später durch die Erfindung des Luftschiffes weltberühmt gewordene Leutnant der württembergischen Armee, 1863 nach Amerika emigrierte.
… Levi Strauss [*1826 bei Bamberg † 1902 in San Francisco] als deutscher Jude (Löb Strauss) mit 18 Jahren nach New York auswanderte. Seine Geschäftsidee lautete: Sicher gibt es in Kalifornien für einen Textilhändler genug zu tun, denn die Goldsucher benötigen Decken, Stoffe und Kleidung. Einen Namen machte er sich allerdings erst 1873, als er eine strapazierfeste Hose aus Denim, zusammengehalten mit Nieten auf den Markt brachte, die auch bei schweren Arbeiten nicht riss.
Dies war die Geburtsstunde der Jeans.

Salopp könnte man obiges Zitat des irischen Schriftstellers George Augustus Moore [*1852, † 1933] wie folgt interpretieren: Zu Hause ist es am schönsten.
[1] Werden keine Bildquellen genannt, stammen die Bilder von Wolfgang Braun.
[2 Lt. Nachrichten des Deutschlandfunkes vom 21.06.2026 sind im Sudan zz. 12 Millionen Menschen auf der Flucht.
[3] Hierbei ist zu beachten, dass Flucht eine erzwungene Entscheidung aufgrund von Gewalt und Konflikten ist.
Hingegen versteht man unter Migration ein „freiwilliges“ Verlassen der Heimat, um seine Lebensbedingungen
an einem neuen Lebensmittelpunkt zu verbessern.
[4] vgl.: https://www.welthungerhilfe.de/informieren/themen/flucht-und-migration/fluchtursachen, Stand, August 2025
[5] Quelle: Tagesschau, 13. Mai 2025. Danach entfallen auf den Sudan (11,6 Mio.), Syrien (7,4 Mio.), Kolumbien (Mio.), die Demokratische Republik Kongo (6,2 Mio.) und Jemen (4,8 Mio.).
[7] Bildquelle: Bundeszentrale für politische Bildung, Zeitschrift „fluter“, Heft 55, S. 3
[9] Bildquelle: https://verrenberg-historisch.de/verrauswand.htm
[10] Quelle beider Bilder: „Zeitreise mit dem Deutschen Auswanderungshaus“, Bremerhaven
[11] Die komplette Auswanderungsliste finden Sie unter:https://www.leo-bw.de/web/guest/detail/-/Detail/details/DOKUMENT/labw_auswanderer/5814/Auswanderer+aus+Rastatt
[12] Zitat und folgendes Bild: Deutsches Auswanderungshaus Bremerhaven
13] Fünfzig Millionen US-Bürger geben bei der Volkszählung 2010 „German“ als ihre Abstammung an.
Bild: Tellerwäscher, Thomas Wehner, Restaurant Kempinski, Berlin 1910, Fotomontage: Wolfgang Braun










Kommentare