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Auswanderung und Flucht im Blick der Jahrhunderte

Aktualisiert: 29. Mai 2022

Folge 25 von Wolfgang Braun
Erstellt im Oktober 2021. Digitalisiert vom Heimatverein Niederbühl-Förch e. V. im Dezember 2021
Vielen Dank unserem Gründungsmitglied Wolfgang Braun, dass wir seinen Artikel hier veröffentlichen dürfen.

In fast allen gesellschaftlichen Bereichen, z. B. in Familien, am Arbeitsplatz, in Schulen, Organisationen, Glaubensgemeinschaften, in Vereinen und in der Freizeit begegnen wir Menschen unterschiedlicher Herkunft. Viele sind hier geboren, viele leben bereits längere Zeit in Deutschland, viele sind neu zugewandert, viele flüchteten verzweifelt aus ihrer Heimat zu uns. Angesichts der in der Weiherstraße neu gebauten Flüchtlingsunterkunft in Niederbühl lohnt der Blick auf vergangene Zeiten, in denen deutsche Überseeauswanderer ihr Heimatland verließen, wobei sich folgende Ausführungen auf das 19. Jahrhundert und unsere aktuelle Lage (ohne Spätaussiedler und ohne Flüchtlinge nach dem 2. Weltkrieg) der Jahre 2020/21 beschränken.


Auswanderung aus Baden: Menschen in Verzweiflung

Nein – mutwillige Abenteurer waren die wenigsten, die im 19. Jahrhundert Heimat, Familie und Freunde auf der Suche nach einer neuen, lebenswerten Existenz verließen. Gerade in Baden waren Not und Elend allgegenwärtig. Oft reichte das Geld der Menschen zum Unterhalt einer Familie nicht aus. Wenn Hungersnöte als Folge von Missernten oder Kriege bzw. Verfolgung aufgrund anderer politischer oder religiöser Vorstellungen das eigene Leben bedrohten, gabt es oft nur eine Alternative: Auswanderung. Dieses Schicksal teilten allein in Südwestdeutschland im vorletzten Jahrhundert über eine Million Menschen.

Bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts dominierte die kontinentale Auswanderung nach Ost- und Südosteuropa. Schätzungen sprechen von insgesamt rund 850.000 Menschen, die zwischen den Jahren 1700 und 1830 aus dem deutschsprachigen Raum auswanderten. Später war das „Traumziel“ die transatlantische Auswanderung in die Neue Welt. Insgesamt verließen zwischen 1816 und 1914 rund 5,5 Millionen Deutschland mit dem Ziele, u. a. das „gelobte Land“ Amerika zu erreichen. Im Zeitraum von 1820 bis 1939 sind in der Deutschen Auswanderer Datenbank 10 Millionen Auswanderer in Passagierlisten erfasst. Getrost könnte man den Begriff „Auswanderer“ in dieser Zeit durch „Flüchtlinge“ ersetzen.


La Havre, Rotterdam, Antwerpen, Bremerhaven, Hamburg … waren Auswanderungshäfen, bei denen es fast unmöglich war, ohne Agenten einen Platz auf einem Schiff zu ergattern. Man war auf Gedeih und Verderb auf – leider oft skrupellos, die Auswanderer ausbeutenden Makler – angewiesen, da diese auch die Zubringerschiffe ab Basel, Karlsruhe, Mannheim, Stuttgart … vermittelten. Einige von ihnen könnte man in unserer Sprache getrost als „Schlepper“ bezeichnen. Da viele Auswanderer die Überfahrt nicht bezahlen konnten, ließen sie sich anwerben und verpflichteten sich, für den neuen Arbeitgeber in Übersee mehrere Jahre nur für Kost und Logis zu arbeiten.


Atlantiküberquerung als Martyrium

Oft wurde aus der Freude auf eine neue Heimat ein Horrortrip. Die Segelschiffe, mit denen die Menschen der ersten Auswanderungswellen bis etwa 1880 Deutschland verließen waren eigentlich Frachtschiffe. In ihren Decks wurden Waren von Amerika nach Europa gebracht. Auf dem Rückweg war der Platz frei für Auswanderer, für die Reedereien also ein willkommenes Zusatzgeschäft. Die Auswanderer mussten als "Fracht" mehrere Wochen dicht gedrängt unter Deck bleiben, oft ohne Tageslicht und Frischluft. Die hygienischen Verhältnisse verursachten schwere Krankheiten wie Typhus und Mundfäule. Die Verpflegung mussten sich die Passagiere selbst mitbringen – doch wenn die Fahrt statt sechs Wochen zehn dauerte, verhungerten auch Passagiere. In den Anfängen der Atlantiküberquerungen mit Segelschiffen starb jeder zweiter an Bord. Leider hat sich hier bei den aktuellen Schlauchbootüberfahrten, angeboten von „Seelenverkäufern/Schleppern“ von Flüchtlingen über das Mittelmeer nichts gebessert, sondern eher verschlechtert.


Auswanderungswelle erfasste Niederbühl

Wussten Sie, dass in gerade mal 10 Jahren (zwischen 1840 und 1850) 116 Niederbühler ihr Heimatdorf verließen, davon allein 75 Personen nach Nordamerika. Bitte bedenken Sie, dass lt. „Hof- und Staatshandbuch des Großherzogtums Baden“, zu dieser Zeit in Niederbühl und Förch lediglich 870 Menschen wohnten. Das Landesarchiv BW nennt alle Namen von Niederbühlern und deren Ziele in einer Auswanderungsliste, beginnend mit A (Adam Albertine, Nordamerika) und endend mit W (Wussler, Zita, Ungarn). In „Auswanderungen aus dem Großherzogtum Baden vor 1872“ wird – hier exemplarisch betrachtet - von dem Ehepaar Alex und Albertina Wagner aus Niederbühl berichtet, das im November 1854 über Bremerhaven nach New York startete. Es genügt auf die Novemberstürme und die menschenunwürdigen Verhältnisse in den Zwischendecks der Schiffe hinzuweisen, die das Niederbühler Ehepaar erlebten. Das Bild stammt aus dem Deutschen Auswandererhaus in Bremerhaven, wo der Autor dieses Artikels Spuren Niederbühler Auswanderer entdeckte.



Flüchtlingssituation 2020/21 im Landkreis Rastatt

Von Januar bis August 2021 stellten in der Bundesrepublik 85.230 Menschen Asyl-Erstanträge, davon im August: 3.909 Menschen aus Syrien, 2.847 aus Afghanistan und 913 aus dem Irak.

(Quelle, Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, August 2021)

Mit der Ankunft der Asylsuchenden in der vorläufigen Unterbringung geht die Zuständigkeit des Bundes und der Länder an die Stadt- und Landkreise über. Dort sind Asylsuchende bis zum Abschluss ihres Asylverfahrens, maximal jedoch für zwei Jahre, untergebracht. Hier aktuelle Zahlen (Stand 31.08.2021):

  • 324 Flüchtlinge leben in 2 Gemeinschaftsunterkünften des Landkreises Rastatt, in wöchentlich 8 Flüchtlinge zugewiesen werden.

  • Seit 2013 wurden 4.267 Flüchtlinge in die Anschlussunterbringung der Kommunen überstellt. Hierzu dient u. a. auch die Gemeinschaftsunterkunft zur Anschlussunterbringung von Flüchtlingen in Niederbühl mit 45 Plätzen, verteilt auf 1.110 Quadratmeter Wohnfläche.

Fakten zum Nachdenken und Diskutieren

  • Rassistische, menschenverachtende und diskriminierende Hasskommentare gerade gegen Flüchtlinge nehmen in sozialen Netzwerken ständig zu.

  • Nach Ansicht von Detlef Scheele, Vorstandsvorsitzender der Bundesagentur für Arbeit braucht Deutschland langfristig eine Netto-Zuwanderung von 400 000 Menschen, damit der Arbeitsmarkt im Gleichgewicht bleibe. Im Jahr 2020 seien aber nur 200 000 bis 250 000 Menschen nach Deutschland gekommen.

  • Flüchtlinge aufzunehmen ist Christenpflicht! Bereits Maria und Josef fliehen mit dem Kind aus Furcht vor der Ermordung nach Ägypten. Jesus: „Ich bin ein Fremder gewesen, und ihr habt mich aufgenommen.“ (Matthäus 25, 35.)

  • Aussage eines unbegleiteten minderjährigen Flüchtlings aus Somalia, 17 Jahre alt: „Meine Mutter sagte zu mir: Rette du wenigstens dein Leben. Und dann bin ich losgezogen. Die Flucht hat drei Jahre und fünf Monate gedauert, bis ich in Deutschland angekommen war.“

  • Ende des Jahres 2020 gab es weltweit rund 80 Millionen Flüchtlinge bzw. Personen in flüchtlingsähnlichen Situationen im Verantwortungsbereich des UNHCR

Angesichts dieser Zahlen braucht man den Begriff Heimat nicht theoretisch erklären. Barbara Sommer schreibt:

Zuhause ist man da, wo man jemanden kennenlernt, der jemanden kennt, der jemanden kennt, den man kennt.


Herausgeber

Pfarrgemeinde St. Laurentius Niederbühl, in der Kirchengemeinde Vorderes Murgtal, vertreten durch das Gemeindeteam.

Autor (Text- und Gestaltung)

Erstellt im Oktober 2021

Blogbeitrag

Erstellt im Dezember 2021 vom Heimatverein Niederbühl-Förch durch Marcus Wirth

Fotografien

Sofern nichts anderes vermerkt ist, stammen die Fotografien von Wolfgang Braun

Beitrag zum download

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