Teil 1: Wenn ein Lustschloss erzählen könnte
Barocke Merkwürdigkeiten rund um Schloss Favorite [1]
Wolfgang Braun, Niederbühl, im Oktober 2026
„Warum noch ein Artikel über Schloss Favorite – Es gibt doch „Tausende“?
![]() | Obige Frage muss beantwortet werden, denn es stimmt:
Unser „Schatzkästlein“, gelegen in idyllischer Parklandschaft, braucht nicht mehr explizit beschrieben werden. Es genügt, – neben einem Spaziergang – auch das Innenleben des Schlosses samt Porzellansammlung, Küche, Gemächer … zu besichtigen. |
All dies, auch der ungewöhnliche Kieselputz, den die im katholischen Glauben streng verwurzelte Markgräfin Franziska Sibylla Augusta gemäß dem Bibelwort: „Steine zu Brot“ anbringen ließ, ist nicht Gegenstand der Betrachtungen.
![]() | Jetzt geht es um … Anekdoten, G´schichtle, Erzählungen, Tratsch … zum Schmunzeln, Lächeln, sich wundern, den Kopf schütteln …
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Wasser ist zum Waschen da, fallerie und fallera
So sangen die „Peheiros“ im Jahre 1956.
„Auch zum Zähne putzen kann man es benutzen“, so die Weisheit in der zweiten Strophe.
Dieser Liedanfang passt nicht auf unsere barocken Schlossbewohner, kam doch niemand auf die Idee, sich mit Wasser (wenn überhaupt) die Zähne zu putzen. Nur folgende Zeile des Liedes trifft exakt zu:
„Wasser braucht das liebe Vieh, fallera und fallerie“.
(Bitte vergessen Sie nicht die Audio-Anlage einzuschalten)

Die Maxime bei Hof lautete: Achtung Wasser – Kratzen statt Waschen! [2]
Im Barock scheute man das Baden wie der Teufel das Weihwasser. Zu deutlich war die Erinnerung an die großen Pestepidemien des Mittelalters mit dem Irrtum, dass die Krankheit in den Badehäusern übertragen werden konnte. Die menschliche Haut sei so dünn, da können doch über das Wasser tödliche Krankheitserreger über die Haut in den Körper durchdringen.
ABER: Was tun, wenn´s muffelt?
"Das Baden erschöpft den Körper", schrieb der Arzt und Herausgeber der ersten französischen Zeitung Théophraste Renaudot [* 1586, † 1653] "und schwemmt ihn auf, was ihn empfindlich macht für die Einwirkungen der schlechten Luft."
Ludwig XIV. besaß zwar eine drei Meter lange Badewanne, die zwei Personen Platz bot; doch diente sie weniger der Reinlichkeit als lustvollen Spielen mit der jeweiligen Herzensdame.
Auch in Schloss Favorite griff der barocke Genussmensch viel lieber zu Parfum und Puder als zu reinigendem Wasser. Wenn auch dies nicht ausreichend war (was selten vorkam), griff man zu einem trockenen Tuch (französisch: "toile"), das in eine feine Seife eingehüllt war. Auf Toile geht das Wort Toilette zurück, was aber nicht mit dem stillen Örtchen zu verwechseln ist. Ein eigener Toilettenraum, kam erst viel später auf. Im Barock erleichterten sich „Normalbürger“ kurzerhand auf der Straße, hinter Büschen oder sogar in Hausfluren – auch in aller Öffentlichkeit.
Tatsache ist, Sie finden in Schloss Favorite vergeblich eine Toilette.
Adlige benutzten einen speziellen Stuhl, in dessen Sitzfläche ein Nachttopf eingearbeitet worden war. Damit begannen auch Kaiser und Könige den Start in den Tag, beobachtet und betreut von einer ganzen Schar von Höflingen. Diese als "lever" (aufwachen) und "coucher" (zubettgehen) genannten Riten gehörten zum festen Hofzeremoniell das, wie vieles in dieser Zeit auf Ludwig XIV. zurückging.
![]() | Nebenstehendes Bild zeigt einen „Leibstuhl“, aus dem Schloss Vaux-le-Vicomte im französischen Maincy, im Département Seine-et-Marne. [3] Der Inhalt adliger Hinterlassenschaften wurde von Beamten mit dem Titel "porte-chaise d'affaires" fortgetragen . |
Und noch eine Merkwürdigkeit
Ist es nicht hinterfragenswert, wenn man aus dem zentralen Fenster des Spiegelsaals des Schlosses Versailles blickt und den „Traum von Wasserspielen“ bestaunt. Wasser all überall – aber kein Einsatz bei der Körperhygiene!
Und die Damen? Porzellan für´s „kleine“ G´schäft
Für adlige Damen sprach ein Mann, genauer gesagt ein Jesuitenpater und Prediger, Monsieur Louis Bourdaloue [* 1632, † 1704] aus dem Herzen. Seine langen Predigten am Hof von König Ludwig XIV. soll Damen veranlasst haben, solche diskreten Gefäße in die Kirche mitzunehmen. Dieser Mann muss ein genialer Redner gewesen sein. Die Frauen hingen an seinen Lippen wie heute die Fans bei einem Superstar.
Heute würde man ihn als Influenzer bezeichnen der forderte: Eine mobile Toilette musste her!
Eine Sauciere, die unter dem Rock verschwindet
Wenn Sie die Porzellansammlung in Schloss Favorite bestaunen, könnte es sein, dass sich ein Porzellan-Sauciere als ein „pot de chambre", genauer, ein von Frauen benutztes Urinal (Bourdalou (auch Bordalou) entpuppt. [4] Schmal in der Form, mit gerundetem Rand, praktischem Henkel und schnell zur Hand – natürlich der Hand der Zofe. Diese hob bei Bedarf die zahlreichen Unterröcke ihrer Herrschaft und wartete, bis sich die Dame erleichtert hatte. | ![]() |
Das kostbare adlige Nass wurde schnell abtransportiert, im besten Fall gesammelt und an Gerbereien weiterverkauft, die Urin in großen Mengen für ihre Lederbearbeitung benötigten.
Eine andere „Entsorgungspraxis“ beschrieb Liselotte von der Pfalz, die Schwägerin Ludwigs XIV., die im Prinzenflügel zu Versailles wohnte. Sie empört sich in einem Brief an ihre Lieben in der Heimat, der Kurpfalz:
„An eine schmutzige Sach´ kann ich mich hier am Hof nicht gewöhnen, nämlich dass alle Leute in den Galerien vor unsern Kammern in alle Winkel p... und dass man nicht aus seinem Appartement gehen kann, ohne jemanden p... zu sehen."
Wussten Sie, wie Liselotte mit ihren Familienmitgliedern zwischen Versailles und Heidelberg/Mannheim kommunizierte ohne dass je ein französischer Leser im Schloss Versailles es entziffern konnte.
Sie schieb ihre Briefe in reinem kurpfälzischen Dialekt. Diese „Sprache“ war als Geheimsprache auch für Ludwigs Spione nicht entzifferbar.
Der Historiker William Ritchey Newton entdeckt wenig Appetitliches hinter der Fassade von Versailles. Hier ein sinngemäß zitierter Auszug einer sicher nicht appetitanregenden Aufzeichnung:
Aus: Jörg von Uthmann,veröffentlicht am 27.11.2010 in „Die WELT“ (sinngemäß zitiert)
Mit dem Schmutz (gemeint ist Paris) hatte es eine besondere Bewandtnis. Es gab weder Gullys noch Wasserklosettes. Der Inhalt von Nachttöpfen wurden einfach aus dem Fenster gekippt, wobei der vorübereilende Passant noch von Glück sagen konnte, wenn ihm durch die Warnung "Gare l'eau!" Gelegenheit gegeben wurde, sich durch einen raschen Sprung in den meist dort liegenden Straßenkot in Sicherheit zu bringen. […] Wie sich herausstellte, waren die Verhältnisse in Versailles nicht viel besser. Zwar wurden im Umkreis des Schlosses 29 Abortgruben angelegt, aber damit waren die Probleme keineswegs gelöst. Auch dort klagten die Bewohner immer wieder über den unerträglichen Gestank. Eine von Newton [5] verfasste Eingabe beschwert sich über "die großen Unannehmlichkeiten, welche die Entleerungsmaßnahmen verursachen, darunter ist der Tod mehrerer Arbeiter zu zählen, die durch die Ausdünstungen der Gruben erstickten […]“
Ein Traumberuf: Friseur zu Schloss Favorite?
Auch obige Überschrift hat ebenfalls einen musikalischen Hintergrund, Wolfgang Amadeus (er wurde 23 Jahre nach dem Tod „unserer“ Markgräfin geboren) und schrieb u. a. die Oper: „Die Hochzeit des Figaro.“
Wieso wird der Traumberuf „Figaro“ in der Überschrift als Frage formuliert?
Die wenigste Zeit eines Friseurs am Hofe verbrachte er mit „echten“ Haaren, vielmehr galt es für ihn, die als unpässlich gehaltene eigene „Haarpracht“ mit allerlei Tricks wie z. B. Perücken aufzupuschen.
Im Barock trug man Perücken vor allem als Statussymbol, zur Kaschierung von Haarausfall (unter anderem bedingt durch Syphilis) und als Ausdruck von Macht und Reinlichkeit, konnte man doch abnehmbare Haarteile von der Dienerschaft bequemer reinigen lassen als natürliches Haar.
![]() | Das Bild, [6] gezeichnet von Georg Adam Eberhard (Böhmen) zeigt Prinzessin Franziska Sybilla Augusta von Sachsen-Lauenburg [* 1674, † 1733] im Alter von vier Jahren.
Dem „modernen“ Betrachter fällt nicht nur der voluminöse Kopfschmuck, sondern auch die Ernsthaftigkeit des Gesichtsausdruckes auf. Hier schaut kein lächelndes Kind, sondern eine besorgte Prinzessin in die Welt.
Was würde man heute zu solch einer Kindermode sagen?
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Die Flöhe von Förch
Ein Figaro hatte in unserem Märchenschloss viel Arbeit, war er auch für die Beseitigung von Mausdreck und Installation von Flohfallen [7] zuständig, nisteten doch in Perücken oft solche „Haustiere“.
Man versuchte den Tierchen mit einer Perücken-Flohfalle zu Leibe zu rücken, indem man die Vorliebe dieser Stechgeister für frisches Blut nutzte. Hierzu diente eine metallene, mit Löchern durchbohrte Hülle (ähnlich eines modernen Tee-Eies). Man tränkte ein kleines Stück Leinen mit Blut und lockte so die Plagegeister an. Getragen wurden die Flohfallen auch oft in den Unterröcken oder am Mieder der hochwohlgeborenen Damen. | ![]() |
Nicht jeden Wunsch muss man aussprechen!
(Nonverbale Kommunikation kann auch zum Erfolg führen)
Von Schönheitspflästerchen und Fächer
Sowohl bei adligen Damen als auch bei Herren dienten Schönheitspflästerchen (franz. Mouche) als auch Fächer einer geheimen Kommunikation. Der Code war intern bekannt.
Nach all dem Leid und Entbehrungen mehrerer, dem Zeitalter des Barock vorangegangenen Kriege und Seuchen, hatten vor allem adlige Zeitgenossen das Bedürfnis, endlich das Leben mit vollen Zügen genießen zu dürfen. Man baute neue Schlösser und genoss ein Lust- und prunkvolles Leben am Hof. Dort zelebrierte man einen neuen Lebensstil, geprägt von einer Revolution in der Mode. Man verspürte einen Drang zum Kostümieren und Ausstaffieren mit Perücken, Federhüte, Stulpenstiefel und Tressen (Haarverlängerungen). Zur Steigerung des Protzgehabes half man mit Salben und Schminke nach. Bei Frauen sind Schnüre im Einsatz, denn es geht vor allem darum, "die Brüste hochzudrücken und fast zur Gänze zu präsentieren.“
Der Schönheitsfleck zum Aufkleben
Es gab Schönheitspflästerchen in Form von Sternen, Herzen, Mondsicheln, Rauten und sogar mit Pferdekutschen. Sie dienten, meist auf die Wange bzw. in das Dekolté geklebt, als Blickfang und je nach Ort und Art des Pflästerchens als Verkünder spezieller Botschaften, z. B. zur Kontaktaufnahme, der Verabredung, dem Tanz oder auch einer Liebesnacht.
Graziler Luxus aus Fernost: Fächer in adliger Hand
Portugiesische Seefahrer brachten im 16. Jh. den Faltfächer aus Fernost nach Europa, wo er über Spanien und Italien sich als Modeaccessoire und Statussymbol verbreitete. Ihre Feinheit und Fragilität galten als Symbol der Weiblichkeit und Koketterie. Fächer sollen ab der Zeit des Barocks nicht nur für frischen Wind sorgen, sondern im nonverbale Geheimbotschaften mittels einer „Fächersprache“ austauschen. Diverse Bücher ordnen einer Fächergeste (z. B. „Fächer geschlossen an die linke Wange gehalten“) eine Aussage (z. B. „Ich liebe dich“) zu.
Tatsächlich listet ein Buch [8] von 1757 verschiedene Strategien von geheimer Kommunikation auf. Darin findet sich z. B. ein Kapitel, wie Fächer als Requisit der Balz eingesetzt werden können (z. B. ihn fallen zu lassen, auf dass der im Visier stehende ihn aufhebe).
Es soll sogar Kurse gegeben haben, in denen die Fächersprache gelehrt wurde. Wie die Geheimbotschaften geheim bleiben konnten, wenn ihre Bedeutung allgemein bekannt war (oder andersherum, wie der Empfänger sie verstehen konnte, wenn die Bedeutung geheim war), bleibt unerwähnt. [9] | ![]() |
Blaublütig, aber blass
Nur Menschen, die sich mit körperlicher Arbeit im Freien ihr Auskommen erarbeiten mussten, hatten im Gesicht eine braune Hautfarbe. Ein absolutes Muss für Adlige war ein weißer Teint, den man im Freien mit einer Maske bzw. mit Sonnenschirmen schützte. Etwas Rouge auf den Wangen sollte den blassen Gesichtern etwas Leben einhauchen.
Die vornehme Blässe war nicht nur schick, sondern auch das Statuszeichen für jene, die nicht auf den Feldern arbeiten mussten.
Wie passen „blasser Teint“ und „blaues Blut“ zusammen?
Weise Haut lässt blaue Äderchen durchscheinen, man war „blaublütig“, ein Zeichen für Royalisten, also Anhängern der Monarchie.
Zum Schluss dieser ersten Folge über das Leben im Barock steht ein Zitat von Andreas Gryphius [* 1616, † 16. 1664]. Er war ein bekannter Schriftsteller der Barockzeit und schrieb u. a. in einem Gedicht über die Vergänglichkeit (Vanitas) folg. Zeile:
„Du siehst, wohin du siehst, nur Eitelkeit auf Erden.“
Im nächsten Artikel erfahren Sie „Jägerlatein“ bei der fürstlichen Jagd rund um Schloss Favorite.
[1] Werden keine Bildquellen genannt, stammten die bilder von Wolfgang Braun.[
2] Einige Gedanken dieses Kapitels gehen zurück auf:https://www.planet-wissen.de/geschichte/neuzeit/barock/barocke-hygiene-102.html
[3] Foto: © Prosopee, Vaux le Vicomte bathroom chair, CC BY-SA 3.0https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Vaux_le_Vicomte_bathroom_chair.jpg
4] Bildquelle: Deutsches Medizinhistorisches Museum, Ingolstadt
[5] William Ritchey Newton, ein amerikanischer Historiker, der sich lange in Paris aufhielt und in französischer Sprache seine Werke veröffentlchte.
[6] Bildquelle: https://www.zum.de/Faecher/G/BW/Landeskunde/rhein/baden/markgf/sibylla_augusta/index.htm
[8] In der Veröffentlichung: „Das Buch der vier Farben“ (Originaltitel: Le Livre de quatre couleurs) des französischen Autors Louis-Antoine Caraccioli, das im Jahr 1757 erschienen ist, werden verschiedene Gemütsbewegungen beschrieben und den jeweils passenden Arten, einen Handfächer zu halten, zugeordnet.
[9] Bildquelle: Mainfränkische Museum in Würzburg












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