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Lehren und lernen im Wandel der Zeit

14. März 2022
4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 1. Sept.

Von Schule und Hirtenhaus zu Förch

Wolfgang Braun, September 2026; zweite überarbeitete Version [1]


Lernen mit Rohrstock und Fleißbildchen


Wer von Ihnen, verehrte Leserinnen und Leser dieser Zeilen, das …


Schulmuseums für ehemals Großherzoglich Badische Schulen"…


in Zell-Weierbach/Offenburg bereits besucht hat und einen Blick in das ausliegende Protokoll werfen konnte, wird über folg. Zeilen erstaunt sein. Dort kann man lesen:


Im vergangenen Schuljahr seien …


„… mehrfältige Klagen über Haupt- und Unterlehrer (Provisoren) wegen übermäßig ertheilten Schlägen eingelaufen und besonders auch darüber Beschwerden erhoben worden, daß die Kinder mit dem Stecken, wie mit Händen gestaucht, auf den Kopf geschlagen und auf die zusammengelegten Fingerspitzen gezüchtigt werden.“

   

Klassenzimmer im Schulmuseum Zell-Weierbach
Klassenzimmer im Schulmuseum Zell-Weierbach

 Auch für die Generation unserer Großeltern (z. T. Eltern) gehörte die „Pädagogik der Handtatzen und Backenwatschen“ zum Schulalltag. So war im Mittelalter der Ausdruck Unter der Rute leben“ ein gebräuchlicher Ausdruck für „In die Schule gehen“. Die Rute (und später der Stock) gehörten wie selbstverständlich zusammen. Sie waren ein Symbol für die Strafgewalt und Autorität des Lehrers (später auch der Lehrerinnen).  Die dargestellte Bestrafungsmethode dürfte auch für Schüler der Volksschule in Förch zum Alltag gehört haben.

 

Folgende Karikatur hierzu stammt aus dem Jahr 1839. [2] 

 Pädagogik mit der Rute
 Pädagogik mit der Rute

Das Förcher Schulgebäude hat eine durchaus interessante Vergangenheit, beschäftigte sich doch mit dessen baulicher Erweiterung bereits der Markgräflich Baden-Badische Hofbaumeister und Bauinspektor Franz Ignaz Krohmer [* 1714, † 1789], ein Schüler Balthasar-Neumanns  [* 1687, † 1753].


Seine Bauwerke stellen ein Werk von regionaler Bedeutung für die Architekturgeschichte des Spätbarocks und des frühen Klassizismus im deutschen Südwesten dar. Und genau dieser Hofbaumeister erweiterte 1783 das bestehende „Hürttenhauß“ (Hirtenhaus) zu Förch zu einem Schul- und Hirtenhaus, wo die Lehrer neben den „Ross-, Kühe- und Schweinehürtten“ wohnen sollten. Zu diesem Zweck wurde an das bestehende Hirtenhaus ein neues Gebäude für die Schule und die Wohnung des Lehrers angebaut. Der Gemeinde war nämlich für ihre „angewachsene Jugend“ ein eigener „Schuhl Praeceptor“ zugewiesen worden. Zu dessen Qualifikationen entnehmen wir aus einem Schulprotokoll, das im Niederbühler Heimatbuch (S. 424) abgedruckt ist, die wenig schmeichelhafte Information:


„Niderbuhl mit Forich: Lehrer, Meßner und Direktor Horologii Johannes Piz, ein Einwohner des Dorfes, kann kaum lesen, ist allzu lahm, angestellt von Gemeinde und Pfarrer, bewohnt ein eigenes Haus. (Erhält den) Zehnden von allen Feldern, von jedem Bürger eine Garbe, die Glockengarbe von der Kirchenuhr, für Wäsche, Weihrauch und Salz 4 Gulden, vierteljährlich 2 Schilling Schulgeld …, bei Frohndbefreiung.“


Das Bild zeigt das „alte Schulhaus“ – es wurde bis 1972 als Schule genutzt – an der Favoritestraße in seiner heutigen Form. Auch der hier untergebrachte Kindergarten schloss 1975 seine Pforten. Kurzfristig wurde das Gebäude als Poststelle, später als Wohngebäude genutzt. Im Ökonomiegebäude befanden sich eine Zeit lang die Milchsammelstelle und der Feuerwehrgeräteraum.

  

Ehemaliges "altes" Schulhaus, fotografiert 2024
Ehemaliges "altes" Schulhaus, fotografiert 2024

  

Zum Thema Pädagogik äußert sich Erich Kästner wir folgt:

"Der Mensch soll lernen, nur die Ochsen büffeln."


Kindergärten in Niederbühl


Eine lebendige Erziehungspartnerschaft zum Wohle unserer Kinder

 

Folgendes Zitat von Astrid Lindgren sollte zum Nachdenken anregen: [3]

"Man kann in Kinder nichts hineinprügeln, aber vieles herausstreicheln."

Ab 1930 war die Bezeichnung „Kindergarten“ als Schulbezeichnung vorgeschrieben, ABER:

 „Mir hänn Kinnergarde oder Kinnerschul g´sagt!“


Beim Bau des „neuen“ Kindergartens im Jahr 1953 beteiligten sich viele ehrenamtliche Helferinnen und Helfer. Man feierte geradezu ein Volksfest, als die Schlüssel an Pfarrer Robert Friton [4] übergeben wurden. 

  

Das Bild [5] aus den 50er Jahren zeigt die frohe Schar der Kinder im Eingangsbereich des Kindergartens.


Jetzige Eltern von Kindergartenkindern mögen sich festhalten, denn der Kindergartenbeitrag betrug 1969 für das erste Kind 25,00 DM, für das zweite Kind 15,00 DM.

 

Neben den baulichen Veränderungen war diese Zeit des„Wirtschaftswunders“ auch von der Fortsetzung der pädagogischen Diskussion geprägt, die durch den Nationalsozialismus unterbrochen worden war. So diskutierte man die Bildungskonzeption, die Maria Montessori bereits ab 1907 darlegte, aufs Neue. Auch der anthroposophische Ansatz Rudolf Steiners [* 1861, † 1925], der bereits 1919 die erste Waldorfschule gründete, wurde intensiv erörtert. Er selbst bezeichnet seinen Ansatz als …


Wissenschaft zum Verständnis von Natur, Geist und menschlicher Entwicklung.“


Neu hinzugekommen sind intensive Diskussionen in den 60er und 70er Jahren über die von studentischen Kreisen ausgehenden Ideen einer antiautoritären Erziehung.

 

Dass der „neue“ Kindergarten bereits nach 23 Jahren abgerissen wurde, geht u. a. auf die Tatsache zurück, dass er zu klein war und den Anforderungen zeitgemäßer frühkindlicher Erziehung nicht gerecht wurde. So gab es nur einen einzigen Gruppenraum, in dem maximal 60 Kinder betreut werden sollten. Tatsächlich hielten sich zu Spitzenzeiten bis zu 100 Kinder darin auf.

 

Pfarrer Otto Doll konnte 1976 das neu errichtete Gebäude einweihen. Dabei würdigte er das Engagement der Pfarrgemeinde St. Laurentius Niederbühl:


„Wir haben die Hülle geschaffen, der Pfarrgemeinde kommt nun die verantwortungsvolle Aufgabe zu, ihr den Inhalt zu geben, das heißt: Diesen Neubau zu einem wirklichen Garten für die Kinder zu machen.“

Das Bild [6] zeigt Pfarrer Doll, links daneben Frau Kopecny.

 

Sie leitete als Nachfolgerin von Marianne Kenz den Kindergarten von 1975 bis 1999.

Im Jahr 1999 übernahm Hiltrud Fritz die Leitung des Kindergartens. Auch in ihrer Amtszeit fielen umfangreiche Baumaßnahmen an, wie z. B. Dach- und Terrassensanierung, Aufbau eines Intensivraumes, Erneuerung der Bodenbeläge, des Waschraums sowie des Turnsaals, Kauf von neuem Mobiliar und Spielgeräte für das Außengelände.

 

Im Januar 2013 weihte Pater Anton einen Anbau ein. In diesem sind zwei Krippengruppen und damit 20 Plätze für Kinder ab dem Alter von einem Jahr, samt Schlafräume, großzügigem Flur, Bewegungsraum und Teeküche untergebracht.

Klettergerüst im Außenbereich
Klettergerüst im Außenbereich

Seit 2025 liegt die Leitung des Kindergartens in den Händen von Christine Reith.

 

Die pädagogische Konzeption nimmt Bezug auf ein Zitat von Olaf Palme, dem zweimaligen schwedischen Ministerpräsidenten und Friedensaktivisten, der am 28. Februar 1986 auf offener Straße im Zentrum Stockholms erschossen wurde.


"Weil unsere Kinder die einzige und reale Verbindung zur Zukunft sind, und weil sie die Schwächsten sind, gehören sie an die ersten Stelle der Gesellschaft."


 

Textquelle leider unbekannt


1] Werden keine Bildquellen genannt, stammen die Bilder von Wolfgang Braun.

[2] Bildquelle: George Cruikshank, „Die komischen Almanack für 1839"; Jungen an ihrem Schreibtisch

[3] vgl.: Hessischer Rundfunk, Beitrag von Pia Arnold-Rammé, 03.11.2021

[4] Er wirkte von 1948-1966 in Niederbühl.

[5] Bildquelle: Heimatbuch, a. a. O., S. 413

[6] Bildquelle: Kindergarten St. Laurentius Niederbühl


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