Nationalsozialistische Barbarei in Niederbühl
Aktualisiert: vor 4 Tagen
Wolfgang Braun, August 2026; vierte, überarbeitete Version [1]
Erinnerung darf nicht enden!
„Es gibt Untaten, über welche kein Gras wächst.“
(Johann Peter Hebel) [2]
In diesem Beitrag wird versucht – obwohl objektive Daten mit der Lupe zu suchen sind – das Schicksal der im Niederbühler Arbeitserziehungslager internierten Menschen während des Nationalsozialismus näher zu beleuchten. Als Leitmotiv gilt die Aussage des ehemaligen Bundespräsidenten Roman Herzog in einer Rede, gehalten im Jahr 1999 im Deutschen Bundestag. Er wählte als Titel seiner Ausführungen:
„Erinnerung darf nicht enden – ohne Erinnerung keine Zukunft“.
Wenn Menschen auch in Niederbühl entrechtet, gedemütigt, ausgebeutet und gequält wurden, so dürfen diese Schreckenstaten nicht vergessen werden.
Die Rede ist von den menschenunwürdigen Zuständen im ehemaligen Arbeitserziehungslager auf dem Gelände zwischen der an die Niederschlagung der Badischen Revolution im Jahr 1849 erinnernde Pyramide und dem Gewerbekanal.
Die Luftaufnahme zeigt das Lager mit acht Holzbaracken, einer im Rohbau befindenden Frauenbaracke, das damalige Bahnwärterhaus, Pyramide, Murg und Gewerbekanal. [3]

Dieser Ort des Grauens wurde gemäß eines Erlasses Heinrich Himmlers durch regionale Gestapo-Dienststellen im Jahr 1942 eingerichtet und mit Häftlingen belegt.
![Eines der seltenen Bilder einer Baracke [4]](https://static.wixstatic.com/media/148f28_b39f876249c64f3987eeda4979e99956~mv2.png/v1/fill/w_980,h_298,al_c,q_85,usm_0.66_1.00_0.01,enc_avif,quality_auto/148f28_b39f876249c64f3987eeda4979e99956~mv2.png)
Das Lager, welches während der Zeit des Nationalsozialismus offiziell als Erziehungslager bezeichnet wurde, diente in erster Linie der Disziplinierung und Umerziehung von Andersdenkenden, politischen Gegnern und Langzeit-Arbeitslosen.
Diese "Erziehungsmethoden" galten offiziell nicht als Strafmaßnahmen und bedurften somit – als rein polizeiliche Anordnungen – keinerlei gerichtliche Entscheidungen |
Als Haftgrund konnte neben „Arbeitsbummelei“ oder „Arbeitsverweigerung“ beispielsweise auch das Nichtausführen des „deutschen Grußes“ gelten. Frauen wurden u. a. wegen Verletzung des Kontaktverbotes mit sogenannten Volksfremden, d. h. in der Regel mit Männern aus Osteuropa, inhaftiert.
Welche Personen aus welchen Gründen inhaftiert und bestraft wurden, war der Willkür einzelner Dienststellen überlassen. Es ist nicht übertrieben, wenn man von staatspolizeilich angeordnetem Arbeits- und Haftterror spreechen kann. |
Die Existenzbedingungen im Niederbühler Lager müssen als barbarisch bezeichnet werden. So litten die Häftlinge vor allem unter ständigem Hunger, Kälte, Läusebefall, Infektionskrankheiten, den Strapazen der Zwangsarbeit sowie Misshandlungen durch das Lagerpersonal.
Man schätzt, [5] dass es im Deutschen Reich etwa 200 dieser Lager mit ca. 500.000 inhaftierten, ausgehungerten und ausgebeuteten Arbeitssklaven gab. Auf Baden bezogen zählte man im November 1942 ca. 100.000 Zwangsarbeiter. Rechnet man Kriegsgefangene hinzu, erhöht sich die Zahl auf 140.000, was etwa 20 % der Beschäftigten bedeutet. [6] Vor allem Industriebetriebe profitierten an der Ausbeutung von Zwangsarbeitern. Laut einer Statistik des Landesarbeitsamtes schufteten im Bereich Rastatt fast 4.000 ausländische Zwangsarbeiter. Allein im Daimler-Benz-Werk in Gaggenau arbeiteten im Durchschnitt zwischen 1.500 und 3.000 Häftlinge [7].
Viele von ihnen wurden vom "Sicherungsverwahrungslager" Schirmeck-Vorbruck und demKZ Natzweiler-Struthof vom Niederbühler Lager angefordert. |
Als sich im Herbst 1944 die alliierten Truppen den Vogesen näherten, beschloss Kommandant Buck, genannt „Henker von Schirmeck“, alle Lagerinsassen zu Tode zu verurteilen, es sei denn, man kann sie rechtsrheinisch zur Zwangsarbeit einsetzen. Für mindestens 650 der weit über 1.000 Schirmeck-Häftlinge, die im Herbst 1944 über Rotenfels und Niederbühl verteilt worden waren, erwies sich die vermeintliche Rettung als die „Hölle von Vulkan“. So bezeichneten Häftlinge ihre neue Arbeitsstelle zur Waffenproduktion bei Daimler-Benz in den Stollen bei Haslach, wo sie unter bestialischen Bedingungen arbeiten mussten. [8]
Trotz der spärlichen Datenlage über das Niederbühler Lager gibt es vielfältige mündlich überlieferte Berichte. So erzählen Zeitzeugen von … mit Stacheldraht umgebenen Männerbaracken und einer Frauenbaracke.
Obwohl es gefährlich war, wurde den Gefangenen, die vom Arbeitseinsatz im Gleichschritt zurückkehrten heimlich so manches Essbare zugesteckt. In seinem Buch: „Wo´s d´ Dörflein sich erinnert“ … berichtet der Niederbühler „Hobbypoet“ Lothar Herrmann u. a. von abscheulichen Strafmaßnahmen. | ![]() |
So soll es oft vorgekommen sein, dass man selbst an strengsten Wintertagen Lagerinsassen in den eiskalten Gewerbekanal trieb. Er beschreibt die Maschinerie der Gestapo wie folgt:
„Das Dorf schweigt, wie alle schweigen. Es ist die Zeit des Schweigens. Wer schweigt kann überleben. Wer redet ist tot, … ein Dorf erblickt die nationalsozialistische Barbarei.“
Lothar Herrmann war damals neun Jahre alt. Er erinnert sich an einen Wachmann namens K… W…, dessen Tochter H… R… (seinerzeit noch Kind) folgende Szene miterlebt hat: [10]
„Ich sah einen Mann, der auf dem Boden kniete. Ein Wachmann drückte ihm den Kopf in sein Erbrochenes und zwang ihn, es zu essen.“
Und weiter H… R…:
„Ich habe dieses Bild noch heute genau in meinem Kopf. Wenn ich nachts nicht schlafen kann, dann kommt es manchmal in mir hoch.“
Klaus Herrmann, ein Niederbühler „Urgestein“ (Bruder von Lothar Herrmann) war zur Zeit des Grauens sieben Jahre alt. Er berichtet:
„In Niederbühl war es kein Geheimnis, dass ab etwa Juni 1944 mindestens 22 Häftlinge in der Rastatter Weinhandlung Müller, welche die Wehrmacht mit Wein und Spirituosen belieferte, Flaschen sortierten, reinigten, befüllten, verpackten und an den Rastatter Bahnhof transportieren mussten. Ich hörte fast täglich die auf dem Kopfsteinpflaster zur Arbeit nach Rastatt getriebenen Männer mit ihren kleppernden Holzschuhen. Meine Mutter schickte mich hinunter, um ihnen das ein oder andere Stück Brot zuzustecken, denn mir als Kind konnten sie ja nichts antun.“
Ferner erzählt er:
„Hat ein Gefangener z. B. einen auf dem Weg liegenden Apfel aufgehoben, trat der Aufseher auf dessen Hände.“
Ein Einzelschicksal: Zeuge von Sinnlosigkeiten
Antoine Kieffer, Kämpfer zwischen den Fronten
Antoine Kieffer wurde 1912 in der Nähe von Haguenau als deutscher Staatsbürger geboren. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde das Elsass Französisch. So kam es, dass er in der französischen Armee diente. Als solcher kämpfte er im 2. Weltkrieg in Tunesien gegen die deutschen Truppen. [11] Unter Generalfeldmarschall Erwin Rommel geriet er in Gefangenschaft. Zwischenzeitlich war das Elsass „zurückerobert“ und dem Deutschen Reich eingegliedert.
Für den französischen Kriegsgefangenen Antoine Kieffer bedeutete dies, dass er nun wieder als deutscher Elsässer galt, der in der Wehrmacht dienen sollte. Dies lehnte er strikt ab, was ihm u. a. eine Haftstrafe im Gestapo-Gefängnis Karlsruhe einbrachte. Von Karlsruhe kam er Ende 1943 ins Arbeitserziehungslager Niederbühl. Dieses verließ der ursprünglich stattliche Mann mit einer Körpergröße von 1,75 Meter im April/Mai 1945 mit einem Gewicht von gerade noch 47 kg. Aufgrund von heftigen Schlägen hatte er auf einem Ohr sein Gehör und auf der entsprechenden Seite des Mundes seine Zähne verloren. | ![]() |
Das Schicksal des 1984 verstorbenen Mannes regt bis heute die Enkeltochter Sandrine Reyser (Historikerin mit Abschluss an der Universität Straßburg) an, weitere Nachforschungen vorzunehmen. Zusammen mit ihren Eltern Astrid und Patrick Reyser traf sich die Familie zu einem regen Erfahrungsaustausch im Sommer 2025 mit Vertretern des Heimatvereins in Niederbühl.
Das Bild [12] zeigt eine Zeichnung, erstellt von einem aus dem Elsass stammenden Zwangsarbeiters, der im Niederbühler Lager ca. drei Monate lang inhaftiert war.

Auf dem Ehrenhain des Friedhofes trägt ein Gedenkstein – neben 14 Namen – die Aufschrift:
„In Erinnerung an die Verstorbenen des ehemaligen Arbeitserziehungslagers Niederbühl“
"Der Mantel des Vergessens darf sich nie über Unrecht legen, wir müssen uns der Erinnerung stellen ... Unsere Werte und unsere Freiheit gilt es unbedingt zu schützen. Dazu gehört auch die Erinnerung, die jetzt und heute im Alltag und in den Familien weitergegeben werden muss: Das ist unsere Verantwortung." |
Mit diesen Worten des Gedenkens an die Opfer des Holocaust am 27. Januar 2026 auf dem jüdischen Friedhof in Rastatt appellierte Frau Monika Müller, Oberbürgermeisterin der Stadt Rastatt, sich aktiv gegen die „Kultur des Vergessens“ einzusetzen. Ein Zeichen einer solchen Erinnerungskultur in Niederbühl könnte die Errichtung eines Mahnmals am ehemaligen Lagerstandort sein.
Ein mögliches Leitmotiv wäre z. B.:
Nie wieder ist jetzt!“


[1] Werden keine Bildquellen genannt, stammen die Bilder vom Autor.
[2] Johann Peter Hebel, Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes. Prosa-Sammlung, 1811
[3] Bildquelle: National Collection of Aerial Photographics, Schottland
[4] Bildquelle: Koch, Markus, „Das Arbeitserziehungslager Niederbühl“, Heimatbuch Landkreis Rastatt, 2013, S. 84
[5] Quelllen: „Zwangsarbeit im NS-Staat“, Stiftung: Erinnerung,Verantwortung, Zukunft, Bundesarchiv Koblenz, 2010
[6] vgl. Zeitschrift des Breisgau-Geschichtsvereins ,,Schau-ins-Land", Freiburg, in der 111. Jahresschrift von 1992,
Seiten 179 ff. und Bernd Boll, Zwangsarbeiter in Baden, in Geschichte in Wissenschaft und Unterricht, 43 (1992),
[7] vgl. Stefan Westermann, NS-Zwangsarbeit in Baden-Baden, Universität Heidelberg, 2011
[8] Durch die Totalzerstörung des Daimler-Benz-Werkes in Gaggenau am 03.10.1944 erhielt der Ausbau der Waffenproduktion in Haslach die höchste Prioritätsstufe. Hierzu dienste das Lager in Niederbühl als „Verteilzentrum“. Weitergehende Informationen finden Sie u. a. unter: https://www.erinnerungsweg-haslach.de/lehren-lernen
[9] Quelle: „Zwangsarbeit im NS-Staat“, Stiftung: Erinnerung, Verantwortung, Zukunft, Bundesarchiv Koblenz, 2010
[10] Namen sind bekannt.
[11] Bildquelle, Sandrine Reyser, Enkelin von A. Kieffer
[12] Bilder aus Privatsammlung Klaus Herrmann, Niederbühl.
„Au camp de concentration Niederbühl (Bade-Allemagne), Fevrier 1945



![Menschen hinter Stacheldraht [9]](https://static.wixstatic.com/media/148f28_39f286416ee344e4b72ee5daa25df5c4~mv2.jpg/v1/fill/w_626,h_417,al_c,q_80,enc_avif,quality_auto/148f28_39f286416ee344e4b72ee5daa25df5c4~mv2.jpg)




Großartig informativ; vielen Dank!