Ein Platz zum Innehalten, der „alte Kirchplatz“
Aktualisiert: 1. Sept.
Wolfgang Braun, Oktober 2026; zweite überarbeitete Version [1]
„Die Ehrfurcht vor der Vergangenheit und die Verantwortung gegenüber der Zukunft
Dieses Wort von Dietrich Bonnhoefer, [* 1906 in Breslau, † 1945, ermordet im KZ Flossenbürgel] könnte daran erinnern, dass es in unserer doch so schnelllebigen Zeit wohltuend sein kann, Grabmale und die Geschichte von Sakralbauten an deren Plätze näher zu betrachten.
Ein solcher Platz ist der „alte“ Kirchplatz an der Brücke über den Ooser Landgraben an der Murgtalstraße zu Niederbühl. Diese heutige Grünfläche verweist auf einen über jahrhundertelange belebten Dorfmittelpunkt, in dessen Mitte sich Kirchen mit dem jeweiligen „Gottesacker“ (Friedhof) befanden.
Wo stand die erste Kirche Niederbühls?
Hierüber liegen dem Autor keine Daten vor. ABER, im Jahr 1355 erscheint in Urkunden der Name des Pfarrers Sifrid. Er selbst bezeichnete sich als „Syfriden von Voerhech, Kirchherr zu Buehl“. Somit ist mit Sicherheit anzunehmen, dass spätestens zu diesem Datum sich eine Kirche in Niederbühl befand. [2] Ferner geht aus einer Urkunde des Freiburger Diözesan-Archives [3] hervor, dass ab dem Jahr 1400 das Laurentiuspatrozinium [4] nachweisbar ist.
Könnte der "alte" Kichplatz „sprechen“, würde er von sinnlosen Folgen von Kriegsereignissen, Plünderungen, Beschuss … berichten, denn mehrfach hallte im Laufe der Geschichte der Ruf durch das Dorf:
"Das Dorf mit Kirche: Wieder nur Ruinen!"
Dokumentiert sind auch die Zerstörungen von Niederbühl samt Kirchen u. a. während des Dreißigjährigen Krieges [1618 bis 1648] und des Pfälzischen Erbfolgekrieges (1688 bis 1697). Bei diesem Krieg war der Oberbefehlshaber der Truppen des „Sonnenkönigs“ (Ludwig XIV. 1715 [* 1638 † 1715]), General Comte de Mélac, der als Mordbrenner dämonisierte Monster, „Urvater“ der „Deutsch- französischen Erbfeindschaft“, für die Totalzerstörung von Niederbühl und Förch verantwortlich, weshalb es auch keine Pfarrkirche mehr gab. [5] Auch der Spanische Erbfolgekrieg (1701 bis 1714) hinterließ Spuren der Verwütung in unserer Region.
Aber jedesmal traf man die fast verzweifelt klingende Entscheidung:
"Wir bauen alles wieder auf!"
![]() | Dies war nach dem Beschuss von Niederbühl durch die Festungsartillerie 1849 wieder nötig, konnte man nach der Revolution nur noch feststellen, dass die meisten Gebäude total zerstört wurden. So brannte die im Jahr 1798 erbaute Kirche komplett ab. Es ist bewundernswert, wie die Dorfbewohner trotz großer Not zusammenhielten und dafür sorgten, dass in den Jahren 1851 bis 1853 wieder eine neue Pfarrkirche erstand. Anstelle des ehemaligen barocken Zwiebelturmes errichtete man einen Spitzturm. |
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Grabmale auf dem „alten“ Kirchplatz
Heute findet der Besucher am Rande einer Grünfläche des Platzes drei Grabmale, die an Menschen erinnern, die im 18. und 19. Jahrhundert in Niederbühl segensreiche Spuren hinterließen, sei es als …
Pfarrer, Wirt, Ökonomieverwalter oder Oberförster.

![]() | Ein halbes Jahrhundert im Dienst der Gemeinde: Pfarrer Franz Xaver Frühe Sein Grabmal steht auf der rechten Seite der Gruppe. Nach oben rankende Blätter säumen die Schrift und führen den Blick zum Kreuz. Bis auf den Schriftzug der weggebrochenen letzten Zeile sind die anderen Schriftzeichen noch gut lesbar: Hier liegen die sterblichen Reste von Franz Xaver Frühe Pfarrer, geboren am 15.Oktober 1756 Zum Pfarrer ernannt am 1. März 1798 Gestorben am 14, Oktober 1840 … Kinder liebt einander und …? |
Pfarrer Frühe war 34 Jahre alt, als im Jahr 1790 die Niederbühler Kirche einstürzte. Zwischenzeitlich wurde er zum Dekan ernannt und war ein großer Wohltäter für die Gemeinde, der u. a. einen Armenfonds gründete. Im „Großherzoglich Badischen Staats- und Regierungsblatt“ aus dem Jahr 1841 (39. Jahrgang) können wir lesen:
„Der Stiftung des zu Niederbühl verstorbenen Pfarrers Franz Xaver Frühe von 3000 fl. in den dortigen Armenfond, wovon der Zinsertrag … zur Unterstützung der Armen in Niederbühl und dem Filialorte Förch verwendet werden soll, ist die Staatsgenehmigung erteilt worden.“
fl war eine Abkürzung für die Währung Florin, deren Herkunft Florenz war, wo er 1252 erstmals geprägt wurde. [7]
Das in der Gruppe der Gedenksteine linksstehende Grabmal erinnert an das Wirken von Pfarrer Franz Engelbert Clemens [* 1731, † 1807].
Er wirkte von 1766 bis 1786 als Pfarrer in Niederbühl. In einer Chronik wird er als Wohltäter seiner Gemeinde beschrieben, was sich u. a. in der Unterstützung von Armen, aber auch in der Förderung von Begabten ausdrückte. Sein besonderer „Schützling“ war ... Anton Hermann, Ökonomierat in Karlsruhe. Dieser hat das Grabmal zu Ehren seines Lehrmeisters errichten lassen. Ein oben auf dem Grabstein angebrachter Totenschädel zeigt die Vergänglichkeit unseres Seins und wirkt geradezu furchteinflößend. Zentraler „Blickfang“ ist der Kelch, umgeben von Lilien. | ![]() |
Auf seinem Grabstein steht: (leider oft unleserlich):
„Hier ruht Franz Engelbert Clemens
(??) daselbst 44 Jahre Pfarrer
und im 76. Jahr seines (??)
des Jahres 1807 begraben
Hier ruht auch
Anton Herman, ÖKONOMIERATH in CARLSRUHE
Hierorts ruht auch meine Erzieherin und zweiteMutterMaria Anna Rosalie Clemens,gest. am 16.3.1812, alt 76 Jahr.“
In der Mitte der drei Grabmale steht ein pyramidenhaft aufragender Stein. Die leider nur noch schwer zu lesende Schrift, eingemeißelt von dem Niederbühler Steinmetz Anton Hermann (A. H.), soll den Verstorbenen durch das in der katholischen Kirche geläufige Totengebet Gott anempfehlen.
„Das ewige Licht leuchte ihnen – im Jahre 1852 A. H.“
Es folgt der Versuch, die schwer zu lesende Inschrift zu dokumentieren: [8]
UNSEREM
VATER
Michael Herrmann
BURGER DAHIER
AUS LIEBE UND
DANKBARKEIT
ERICHTET V. SEINEN
KINDERN
Anton Herrmann
GROSSHERZOGLICHER BADISCHER
Professor und Oeconomie VERWALTER
Wilhelm – OBERFERSTER
Franz - HIRCHWIRTH
Friederich – ENGELWIRTH
Maria Orsa - Schwanenwirtin
zu Niederbühl 1821
HIER RUHEN DIE GEBEINE UNSERE ELTERN
M. HERRMANN, gest. April 1820 alt 65 Jahr
und der MUTTER GENEOEVA geb. MATTERN
gest. JÄNER 1830 alt 73 Jahr

Möge der "alte" Kirchplatz wieder ein Ort der Begegnung werden.
[1] Werden keine Bildquellen genannt, stammen die Fotografien von Wolfgang Braun.
[2] Der Ort der Kirche ist deshalb so schwer zu bestimmen, da die Aufzeichnungen in den Kirchenbüchern erst ab dem Jahr 1697 beginnen.
[3] Freiburger Diözesan-Archiv, Geschichte, Altertumskunst und christlicheKunst, zwölfter Band.
Zitat aus: 10. Kapitel, Geschichte der Pfarreien,J. B. Trenkle, Karlsruhe, S. 41, zitiert nach: https://freidok.uni-freiburg.de/fedora/objects/freidok:6378/datastreams/FILE1/content
[4] Bei einem Patrozinium stellt sich eine Kirchengemeinde unter den Schutz eines Heiligen.
[5] Auch in Heidelberg, Mannheim, Speyer, Worms … hinterließen die französischen Truppen nur verbrannte Erde.
Kuppenheims Stadtchronik sagt aus, dass in Kuppenheim lediglich ein einziges Haus den Angriff überstanden hat.
[6] Bildquelle: Heinz Bischof, Heimatbuch Niederbühl und Förch, Rastatt 1988, S. 183
[7] Die Umrechnung zur aktuellen Währung gestaltet sich schwierig, da es große Unterschiede bei den Kosten für Arbeit und Güter im Lauf der Jahrhunderte gab. Im Jahr 1850 entsprach 1 fl. ca. 20,00 €.
[8] Orthografie wurde beibehalten



![Kirche mit barockem Turmhelm bis zur Zerstörung 1849 [6]](https://static.wixstatic.com/media/148f28_f0656a56f088429a8966cfc076504e47~mv2.png/v1/crop/x_7,y_0,w_3106,h_2454/fill/w_3106,h_2454,al_c,q_95,enc_auto/148f28_f0656a56f088429a8966cfc076504e47~mv2.png)





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