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Von Kleinkindbewahranstalten zu Kindergärten in Niederbühl

Folge 15 von Wolfgang Braun
Erstellt im Juli 2021. Digitalisiert vom Heimatverein Niederbühl-Förch e. V. im Dezember 2021
Vielen Dank unserem Gründungsmitglied Wolfgang Braun, dass wir seinen Artikel hier veröffentlichen dürfen.

Warum schreibt das Altenwerk unserer Pfarrgemeinde etwas über die geschichtliche Entwicklung von Kindergärten in Niederbühl?

Die Antwort ist leicht zu geben, denn viele Jahrzehnte erfreuen Kinder unseres Kindergartens die Senioren, z. B. beim Seniorenfasching oder beim “Zaubern“ einer vorweihnachtlichen Stimmung im Rahmen der Adventfeier im Pfarrsaal. Viele Großeltern sind darüber nicht nur erfreut, sondern stolz, das eigene Enkelkind oder gleich mehrere als echte Schauspieler entdecken zu können.


Alt und Jung beim Seniorenfasching 2010


Über das überaus riesige Engagement aller am Kindergarten beteiligten Personen z. B. bei Kindersommerfesten im Pfarrgarten muss ein einziges Wort genügen, nämlich DANKE. Dieses DANKE schließt auch unsere Senioren mit ein, haben diese doch – über Generationen hinweg – viele Jahrzehnte lang mittels Auf- und Abbauarbeiten, bei Standbelegungen oder als Mitglied des Gesang- bzw. Musikvereins ihren Beitrag zum Gelingen der Feste geleistet.


Somit ist es an der Zeit den Versuch zu unternehmen, die Entwicklung der mehr als 80 Jahre andauernden Erziehung unserer Kleinkinder in Niederbühls Kindergärten in zwei Artikeln im Mitteilungsblatt darzustellen Der Autor, unterstützt von der derzeitigen Leiterin des Kindergartens St. Laurentius, Frau Hiltrud Fritz hat wieder in der Geschichte vergangener Zeiten „herumgewühlt“, wohl wissend, dass es in unserem Ort erst seit 1937 einen Kindergarten gibt.


Frühkindliche Erziehung, wie wir sie heute kennen, war bis ins 18. Jahrhundert kein Thema. Kinder galten als kleine Erwachsene, die oft schon in frühem Alter mit zum Broterwerb der Familie beitragen mussten. Diese Situation erkannte u. a. der elsässische evangelische Pfarrer, Sozialreformer und Pädagoge Johann Friedrich Oberlin (1740 bis 1816). Er gilt als Begründer der organisierten Kleinkinderfürsorge. Die Ausgangslage, die er bei Hausbesuchen erlebte, beschreibt er selbst mit den Worten:


„Ich konnte mich der Tränen nicht enthalten, da ich einerseits die zarte Jugend und andererseits die üble Auferziehung, die sie hatten, betrachtet, an einem Orte, wo fluchen, schelten, schwören, schlagen, raufen häufiger als Brot sind.”

Seinem Engagement ist es u. a. zu verdanken, dass nach und nach einfach eingerichtete Kleinkinderbewahranstalten, ausgestattet mit Tischen und Bänken von meist ausrangierten Schulmöbeln entstanden. Die Unterbringung von 60 und mehr Kindern in einem Raum war üblich. Die Betreuerin (Hortnerin genannt) saß an einem Tisch oder auf einem Katheder. An Spielsachen gab es nur einfache Materialien, daneben ein paar Puppen und Bauklötze, Bälle und Bilderbücher und – in wenigen Ausnahmen – Musikinstrumente.


Gruppenbild in Gruppenbild in einer Kinderbewahranstalt. Bildquelle: DocPlayer.org (free download)

Ein Zeitgenosse Oberlins, der Schweizer Pädagoge, Sozialreformer und Politiker Johann Heinrich Pestalozzi (1746 bis 1827), nahm, zusammen mit seiner Frau, ab etwa 1773/74 40 Kinder in seinem Landgut auf. Dort dominierten in einer „Wohnstubenerziehung“ handwerkliche und gärtnerische Arbeiten in Kombination mit einer „sittlich-religiösen“ Erziehung. Das Ehepaar versuchte diese „Erziehungsanstalt für arme Kinder“ durch den Verkauf von selbst erstellten Produkten zu finanzieren, was aber nicht gelang, sodass der hohe Schuldenstand eine Schließung im Jahr 1779 erforderlich machte. Pestalozzis Maxime einer harmonischen Bildung des heranwachsenden Menschen mit Kopf, Herz und Hand stand in krassem Gegensatz zu der vorherrschenden Meinung, hier dokumentiert durch ein Zitat des Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770 – 1831).


„Ein Hauptmoment in der Erziehung ist die Zucht, welche den Sinn hat, den Eigenwillen des Kindes zu brechen, damit das bloß Sinnliche und Natürliche ausgereudet [herausgerissen] werde.“

Mit fortschreitender Industrialisierung gegen Ende des 19. Jahrhunderts war es u. a. der Schüler Pestalozzis, Friedrich Fröbel (1782 bis 1852), der als erster 1840 in Thüringen einen Kindergarten in Form einer „Pflege-, Spiel- und Beschäftigungsanstalt für Kleinkinder“ stiftete, im dem nicht nur die Kinderbewahrung sondern auch Bildung und Erziehung zum pädagogischen Konzept gehörten. Man führt den Begriff „Kindergarten“ auf ihn zurück, sagte er doch bereits 1840:


„Wie in einem Garten unter Gottes Schutz und unter der Sorgfalt erfahrener, einsichtiger Gärtner im Einklang mit der Natur, so sollen hier die edelsten Gewächse, Menschen, Kinder als Keime und Glieder der Menschheit, in Übereinstimmung mit sich, mit Gott und der Natur erzogen werden.“

In Niederbühl war es erstmalig Pfarrer August Haunß – er wirkte von 1881 bis 1898 als Seelsorger im Ort -, der 1894 den Grundstein für eine Krankenpflegestation legte, die bei nachweislichem Bedarf auch Kleinkinder betreuen sollte. Aus finanziellen Gründen wurde diese Station personell durch die in der Rastatter Engelstraße ansässigen Ordens- und Krankenschwestern versorgt. Erst 1911 gelang es, eine eigenständige Niederbühler Station zu etablieren.


Während bis zum ausgehenden 19. Jahrhundert die außerhäusliche Kleinkinderziehung privaten Initiativen - wie den oben genannten - oder den Kirchen oblag, wurde mit Einführung des Bürgerlichen Gesetzbuches im Jahre 1900 der Staat verpflichtet, in der außerhäuslichen Erziehung aktiv zu werden.


Die Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahre 1933 brachte eine erneute Zäsur. Die Arbeiterwohlfahrt, die zu der Zeit viele Kindergärten betrieb, wurde aufgrund ihrer Nähe zur Sozialdemokratischen Partei verboten. Dafür wurde die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt (NSV) mit dem Ziel, „… die lebendigen, gesunden Kräfte des deutschen Volkes zu entfalten und zu fördern“, gegründet.


In den folgenden Jahren, in denen die Kriegsvorbereitungen und die sogenannte „Rassenhygiene“ auch die Kinder- und Jugenderziehung stark beeinflussten, gründete man 1937 in Niederbühl den „NSV-Kindergarten“, dessen Türen für „Juden, Zigeuner und Erbkranke“ verschlossen blieben. Der folgende überlieferte Kinderreim spricht für sich: „Händchen falten, Köpfchen senken – immer an den Führer denken. Er gibt euch euer täglich Brot und rettet euch aus aller Not.“


Nach dem Zweiten Weltkrieg knüpfte man in Niederbühl an die bereits seit 1911 eingeführte Schwesternstation an, trennte aber die Bereiche Krankenpflege und Kinderbetreuung so, dass die Kinder in einem Saal des Schulhauses und ab 1950 in einem Nebenzimmer des Gasthauses „Zur Eintracht“ (heute nicht mehr existentes Lokal an der Murgtalstraße) untergebracht wurden. Es dauerte drei Jahre, bis 1953 der „neue“ Kindergarten in der Laurentiusstraße den Kindern eine „neue Heimat“ bot, was im folgenden Artikel beschrieben wird.


Wussten Sie, dass der erste Kindergarten in den Vereinigten Staaten als deutschsprachiger Kindergarten im Jahre 1856 in Wisconsin gegründet wurde.


Herausgeber

Pfarrgemeinde St. Laurentius Niederbühl, in der Kirchengemeinde Vorderes Murgtal, vertreten durch das Gemeindeteam.

Autor (Text- und Gestaltung)

Erstellt im Juli 2021

Blogbeitrag

Erstellt im Dezember 2021 vom Heimatverein Niederbühl-Förch durch Marcus Wirth

Fotografien

Sofern nichts anderes vermerkt ist, stammen die Fotografien von Wolfgang Braun

Beitrag zum download

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