Lebensformen im Mittelalter: So war´s rund um Niederbühl und Förch
Aktualisiert: vor 4 Tagen
Wolfgang Braun, August 2026; zweite überarbeitete Version [1]
Dorfgründungen in spannenden Zeiten
Die Gründungen von Niederbühl und Förch fanden im 11. Jahrhundert in einer relativ friedlichen und ruhigen Zeit statt. Die Menschen lebten überwiegend von der Landwirtschaft, die von technischen Neuerungen wie dem Wendepflug, dem Kummet und dem Hufbeschlag von Pferden profitierte. Die Lebensbedingungen verbesserten sich dadurch erheblich, was u. a. zu einem Bevölkerungswachstum, verbunden mit dem Aufblühen des Handels führte.
Von 1024 bis 1125 regierte die ostfränkische Adelsfamilie der Salier das Heilige Römische Reich Deutscher Nation. Zu den bekanntesten Salierkaisern zählen Konrad II., Heinrich III., Heinrich IV. und Heinrich V. Dieses Herrscherhaus wirkte vorwiegend in unserer unmittelbaren Heimat, zwischen Worms und dem heutigen Landkreis Rastatt, hinüber bis in den Kraichgau.
Kein geringerer als der Salierkauser Heinrich IV. hat die Gründungsurkunde von Niederbühl im Jahr 1057 unterzeichnet. |
Zu der Rechtskräftigkeit der Urkunde genügte, dass der Kaiser ein Kreuz auf das Dokument schrieb. [2]
Berühmt wurde Heinrich IV. vor allem wegen des Investiturstreits, den er mit Papst Gregor VII. führte. In der Auseinandersetzung ging es darum, wer von beiden die Macht haben sollte, Bischöfe und andere Kirchenmänner zu bestimmen. Heinrich IV. unterlag in diesem Streit und musste letztendlich zum Bitt- und Bußgang nach Canossa aufbrechen, um der Strafe der Exkommunizierung zu entgehen.

Gründungsurkunde Niederbühls, ausgestellt von Heinrich IV. [3]
Textauszug der Gründungsurkunde
„Heinrich schenkt der bischöflichen Kirche zu Speyer das Gut(Nieder-) Bühl im Ufgau mit der Auflage, dass aus dessen Einkünften am Grabe Kaiser Heinrichs III. eine ewige Lampe unterhalten werde. Worms 1057 April 5.“
Mit der Gründung ging Niederbühl – seit 1057 Puhile, ab 1355 Nidern Buhel genannt – in den Machtbereich des Bistums Speyer über.
Puhile steht für Bühl (Hügel/Buckel), Nidern Buhel somit für niederer Hügel, wohl in Abgrenzung zur heutigen Stadt Bühl. Seit 1102 taucht kurzzeitig auch die Ortsbezeichnung Hirschbühl auf, worauf auch heute noch der Hirschbühlweg hinweist.
Zwischenzeitlich im Besitz der Ebersteiner Grafen, fiel der Ort im späten 14. Jh. an die Markgrafen von Baden.
Zur Gründung Förchs liegen zahlreiche Quellen vor. So beschreibt z. B. Albert Krieger [4] in seinen Aufzeichnungen Förch im Jahr 1207 unter dem Namen Forhohe, 1264 als villa Forech, 1341 als Forhaich, 1369 als Vorech, 1434 Forech und letztendlich 1579 als Förch. Im zweiten Band des „Topografischen Wörterbuches“ lesen wir zur Einwohnerzahl, verzeichnet im Pfarrbuch des Jahres 1683:
„Niderbuehl; pagus hic 44 familiarum et Forich 20 familiarum“
Siedlungsformen in unserer Heimat
Aus der dünnen Besiedelung resultiert, dass Bauern mit ihren Familien im frühen Mittelalter in Einzelhöfen lebten. Dörfer und Städte in unserem Sinne – mehrere Häuser stehen dicht an dicht nebeneinander – waren selten. Eine Hofstatt (Gehöft) bestand aus dem Wohnhaus, Wirtschaftsgebäuden, Ställen und einem umzäunten Garten. Das Bild zeigt ein typisches Dorf im Mittelalter. Es besteht aus einzelnen Höfen, oft einer Mühle, einer Kirche/Kapelle samt den die Kirche umgebenen Friedhof („Gottesacker“).
![]() | Davor war meist ein freier Platz, der Anger für Feste und Versammlungen. Die Häuser sind mit Stroh oder Ziegel gedeckte Eindachhöfe. Das ganze Dorf ist mit einem Zaun oder einer Begrenzung aus Strauchwerk (dem Etter) umgeben. Darin befand sich, neben den oben bereits genannten Bauwerke, mindestens ein öffentliches Backhaus, ein Fronhof (öffentliche Scheune) zur Lagerung der Abgaben und das Haus des Vogtes (ab dem 16. Jahrhundert ein Rathaus). |
Bis in die Neuzeit hinein bestand das Baumaterial für Gebäude aus Holz und Lehm. Dies hatte oft verheerende Folgen bei Feuersbrünsten. Von wenigen Resten mittelalterlicher Bauweisen zeugt in Niederbühl in einem Hof in der Grünewaldstraße die Außenwand einer Scheuer. | ![]() |
Die älteste schriftlich vorliegende Quelle eines Pfarrers in Niederbühl / Förch stammt aus einer Urkunde vom 2. März 1355. Hierin wird u. a. auf das Wirken des Pfarrers Sifrid hingewiesen. Man bezeichnete ihn als
„Sifridus rector ecclesie in Nidern buhel" [5]
Niederbühl und Förch:
Spielball mittelalterlicher Machtstrukturen
Der Anfang des Kinderliedes „Im Märzen der Bauer …“ geht davon aus, dass der Bauer seine Felder und
Wiesen instand hält:
„ … er setzt seine Felder und Wiesen instand.“
Davon konnten ca. 90 % aller im Mittelalter schufteten Bauern nur träumen, denn es waren nicht ihre Felder; diese gehörten vielmehr einem Grundherrn.
Das Lehenswesen mit der Grundherrschaft waren zentrale Elementeder mittelalterlichen Gesellschaft. |
Hier vergaben Könige, Adlige und Klöster Land als Lehen an „freie Bauern“, sog. Vasallen, die sich im Gegenzug zu Treue und militärischen Diensten sowie zu Abgaben (Fron) verpflichteten. Der Lehnsherr gab dem Lehnsmann im Gegenzug eine Lebensgrundlage und gewährte ihm Schutz. Beide Systeme (Lehen und Grundherrschaft) verstärkten die Ständeordnung und bildeten die Basis des Feudalismus, der die wirtschaftliche und politische Struktur des Mittelalters prägte. In unserer Region waren "Geistliche" Grundherren u. a. der Bischof von Speyer, das Kloster Herrenalb und Lichtenthal. "Weltliche" Grundherren waren u. a. die Markgrafen von Baden und die Grafen von Eberstein.
Der Jubelruf des wohl berühmtesten Lehensempfängers der Literaturgeschichte aus dem Jahr 1220 stammt aus der Feder des Minnesängers …
Walter v. d. Vogelweide.
Mit überschwänglicher Dankbarkeit blickte er im hohen Alter [6] auf ein entbehrungsreiches Leben zurück, welches er gerade so am Existenzminimum fristete. In der Universitätsbibliothek zu Heidelberg ist die Manessische Handschrift zu besichtigen. Darin ist Walters berühmter Jubelruf zu finden.
Ich hân mîn lehen, al die werlt, ich hân mîn lehen.
Nach vielen Jahren des poetischen Vagabundierens hatte Walther einen Gönner gefunden, der durch die Gewährung eines Lehens sein materielles Elend beendete.
![Miniatur und Text: Codex Manesse, Heidelberger Liederhandschrift [7]](https://static.wixstatic.com/media/148f28_5348d968429a48cd865270c0627fc053~mv2.png/v1/fill/w_499,h_328,al_c,q_85,enc_avif,quality_auto/148f28_5348d968429a48cd865270c0627fc053~mv2.png)
Das Prinzip der Grundherrschaft ist Nehmen und Geben, was folgendes Zitat, aus dem Jahre 1287 beschreibt. Es wurde im Schwabenspiegel veröffentlicht:
"Wir sullen den herrn darumbe dienen, daz sie uns beschirmen.
Beschirmen sie uns nit, so sind wir inen nicht dienstes schuldig." [8]
Der Lehensvertrag wurde vor Zeugen per Schwur (Treueeid) abgeschlossen und konnte vererbt werden.
Folgendes Dokument zeigt einen Ausschnitt eines Erblehensbriefes, ausgestellt von Markgraf Ludwig Georg Simpert [* 1702, † 1761]. Es regelt die Eigentumsverhältnisse eines Niederbühler Müllers. [9]
„Erblehensbrief aus dem Jahr 1745 des Markgrafen Ludwig Georg Simpert von Baden-Baden an Hans Mich, Müller zu Niederbühl über die neue Mühle gegen 45 Malter Gült an den Speicher in Baden-Baden und 10 Malter an das Jesuitencollegium daselbst.“

Das Malter ist ein Getreidemaß, welches in Sester geteilt wurde. In Baden hatte das Malter 10 Sester zu 10 Meßlein und betrug ca. 150 Liter.
Bis in das 14. Jahrhundert hinein blieb jeder Mensch ein Leben lang in dem Stand,in den er hineingeboren worden war. |
Oberster Lehensherr war der König bzw. Kaiser, dessen Legitimation sich auf Gott beruft, gefolgt von Klerus (Bischöfe, Äbte) und danach der Adel. Den Dritten Stand bildeten die Bauern. Folgendes Schaubild zeigt das hierarchische Machtgefüge im Mittelalter, „zementiert“ in einer …
von Gott gewollten Ordnung.
Die dargestellten Machtstrukturen dokumentieren die Ständegesellschaft, geprägt von engen Verflechtungen zwischen weltlicher und geistlicher Herrschaft. Diese Herrschaft wurde durch Landbesitz, militärischer Stärke und Kontrolle über die arbeitende Bevölkerung gesichert.

Der Kampf ums Überleben – kein Zuckerschlecken
Das Generallandesarchiv Karlsruhe (GLA 71/K 161) ermöglicht einen Blick in den harten Alltag der Landbevölkerung. So wird z. B. das Leben eines zwischen Kuppenheim, Niederbühl und Förch arbeitenden Kuhhirten aus dem Jahr 1459 wie folgt beschrieben:
„Martin Schweig, sonst Semlin genannt, ein Gemeinsmann und jetzo Kuhhirt zu Kuppenheim, [sagt,] er habe nit allein in die 27 Jahr als ein Hirt zu Niederbühl gehütet, sondern auch sein lieben Vater und Mutter samt seinem vorigen Weibe mit zehn Kindern selig daselbst begraben liegen, er sei ungeverlich uf 56 Jahr alt und sunst leider ein armer Gesell.“
Dem Kuhhirten war klar, dass es sich bei Allmend um eine sog. Gemeindeflur, also um Nutzflächen wie Weiden, Flüsse, Wälder und Seen handelt, die allen zustehen. [10] Dieses Recht stand nicht im Gegensatz zu der Tatsache, dass Bauern kein Eigentum (und sei es „nur“ als Lehen) an Äckern besaßen.
In diesen exakt abgegrenzten Bereichen durfte jeder im Wald Holz hacken, seine Kühe auf die Wiese schicken, Wasser aus dem Fluss schöpfen, oder – an begrenzten Flächen – aus dem nahegelegenen Landsee bzw. der Murg Fische fangen.
Ab der zweiten Hälfte des 15. Jh. wurde der ländlichen Bevölkerung diese Rechte durch viele Grundherren genommen. Die meisten Bauern durften in den Flüssen und Seen der Allmende nicht mehr fischen, ihr Vieh dort nicht mehr tränken und mit dem Wasser nicht mehr die Wiesen/Äcker bewässern. Wer es auch in Hungersnöten trotzdem wagte z. B. zu angeln, musste damit rechnen, dass ihm die Augen ausgestochen wurden.
Leben als Bauer um Niederbühl und Förch
Im Laufe der Jahrhunderte nennen Chronisten eine Vielzahl von Höfen in Niederbühl und Förch, z. B. den Bleichenhof und Röderhof in Niederbühl und den Kesenhof, Steinerlinhof, Spitalhof und Meyfrittshof in Förch, wo bereits im Jahr 1264 von einem Lehensverhältnis berichtet wird, dass Markgraf Rudolf I. von Baden, Bauern auf seinen Grundstücken als Vasallen beschäftigt. Besonders genannt werden z. B.:
„… ein hoflin in dem Dorfe Voerch gelegen, genannt Meyfritts hof (1369), den … Steinlerin hof zii Forhech (1324), … der hof zu Vorhech, den man nennt des Kesen hof“ (1335)“ [11]
Walter, der leibeigene Bauer des Bleichenhofes
Ich bin Walther, 25 Jahre alt, ein unfreier Mann, ein leibeigener Bauer, der im frühen Mittelalter in Niederbühl lebte. Ich habe nie lesen und schreiben gelernt. Gleich bei der Geburt sind meine drei Kinder gestorben. Ich besitze einen Ochsen, eine Kuh, ein Schwein und fünf Hühner. Das Schlimme dabei ist, dass der Gutsherr mich in der Zeit der Aussaat und Ernte für mehr Arbeit noch verpflichten darf, sodass meine eigene Aussaat und Ernte oft nicht möglich sind. Für all diese Arbeit bekomme ich kein Geld. Dafür hat der Gutsherr mir erlaubt, auf seinem Land die Felder zu bewirtschaften. Wenn ich ihn verärgere, kann ich alles verlieren. Das einzig Gute als Leibeigener ist, dass ich nicht in den Krieg ziehen muss.“ |
Das Leben am Existenzminimum drückt folgendes Zitat aus:
" … vnd von den, so sy besitzen vnd beschirmen solten, hand sy vns geschunden vnnd geschaben“ [13]
Der colorierte Holzschnitt aus dem Jahr 1450 (Künstler unbekannt) zeigt, wie unfreie Bauern ihre Abgaben an den Grundherrn übergeben. Diese waren meist um Martini fällig. | ![]() |
Johannes, der freie Bauer auf dem Röderhof
„Ich bin Johannes, 29 Jahre alt, und bewirtschafte in Niederbühl, zusammen mit meiner Frau Elisabeth den Röderhof, für den ich bei dem Gutsherrn Gült (Pacht/Zins) bezahle. Als freier Bauer geht es mir relativ gut, denn ich habe eine größere Landfläche als die anderen. Damit kann ich mehr anbauen, als ich verbrauche. Den Überschuss verkaufe ich auf dem Markt. Ich kleide mich mit einem Obergewand aus Zwilchgippe (Leinen) und mit Bundschuhen (Bauernschuhe). Ich kann die Rechte vererben, aufteilen oder auf andere übertragen. Ferner muss ich Frondienste, meist beim Pflügen – auch zur Saat- und Erntezeit – leisten, aber nicht so viel wie andere unfreie Bauern aus Niederbühl und Förch. Das Beste aber ist für mich, dass ich unser Dorf verlassen kann, wann ich will, ohne den Gutsherrn zu fragen. Außerdem benötigen unsere Kinder nicht seine Erlaubnis, um zu heiraten. Auch habe ich das Recht Waffen zu tragen, was aber zur Folge hat, dass ich für meinen Herrn in den Krieg ziehen muss. Hoffentlich gibt es keinen Krieg!“ | ![]() |
So wohnen wir – oder: Was macht die Kuh im Wohnzimmer?
![]() | „Komm herein! Deine Augen werden sich gleich an die Dunkelheit gewöhnen. Wie du siehst, haben wir nur einen einzigen Raum. Wenn wir im Winter die Kuh hereinholen, ist es ein bisschen eng. Sie hat ihren Platz dort drüben an der Wand. Der Raum ist sehr karg eingerichtet. Alles was wir haben sind diese hölzernen Stühle, der Tisch und die Truhe dort drüben, in der wir all unsere Habseligkeiten aufbewahren. Der Fußboden besteht nur aus festgestampfter Erde. Meine Frau, meine Kinder und ich schlafen alle zusammen auf dem Bett aus Stroh in der Ecke. Über dem Feuer kocht meine Frau unser Abendessen. Der Rauch des Feuers ist furchtbar. Unsere Kinder husten ständig. |
Die Wände der Häuser sind aus Flechtwerk und Lehmverstrich. Dieser ist eine Mischung aus Lehm, Ochsenhaar und Viehmist. Das Dach ist aus Stroh. Es ist zz. etwas undicht. Aber bald ist die Ernte vorbei; danach werde ich mit der Reparatur beginnen.“
Zur Situation der Bauern schreibt der Kosmograph [16] Sebastian Münster [* 1488, † 1552]:
„Ire heüser sind schlechte heüser von kot und holtz gemacht / auff das erdtrich gesetzt“ / Ire speiß ist schwartz rocken brot / haber brey oder gekocht erbsen mit linsen. Wasser und molcken ist fast ir tranck.“ [17]
Harte Arbeit am Existenzminimum
Bäuerinnen im Alltagsstress
Von wegen „romantisches Landleben“
Gerade das Leben der Bäuerinnen wurde durch den großen Einfluss der Kirche geprägt. Obwohl einerseits das Ansehen der Jungfrau Maria idealisiert wurde, galt das weibliche Geschlecht als lasterhaft, schwach, geschwätzig und verlogen. Die Konsequenzen aus dieser Haltung führten Frauen in vielfältiger Weise in nachteilige Lebenslagen. Sie mussten – neben der Feldarbeit – das Vieh versorgen, die Kleidung für die Familie anfertigen (vom Flachs bis zum fertigen Produkt), Wasser holen, Holz für das Feuer besorgen, Wäsche waschen, Mahlzeiten zubereiten, sogar Bier brauen und die meist vielen Kinder versorgen. Die Lebenserwartung der Frauen war besonders niedrig. Viele starben bereits im Kindbett oder an Auszehrung.
Steuern und Abgaben, eine „erdrückende“ Last
Ein Steuersatz von 10 % – Leben im Paradies?
Heutzutage wären wir mehr als glücklich, wenn der Finanzminister verkünden würde:
„Jeder wird mit einem Steuersatz von 10 % belastet.“
Aber was bedeutete der „Zehnt“ und andere Dienste, die zu leisten waren? Warum kämpfte man z. B. in Bauernkriegen auch in Mittelbaden/Murgtal gegen die Abgabenlast, die an die Kirche und weltlichen Grundherren zu entrichten war? Vordergründig betrachtet stellt dieser „geringe“ Prozentsatz eine niedrige Abgabenquote dar. In der Realität sah es aber ganz anders aus, wenn z. B. Unwetter die Ernte zerstörten, Soldaten die Felder verwüsteten, Bauern wegen Kriegsdienste ihren Arbeiten nicht nachkommen konnten. Dann begann der Kampf ums Überleben, denn Abgaben waren in Naturalien fällig und alles, was abgeführt werden musste, stand für den Lebensunterhalt nicht zur Verfügung.
Man kann sich leicht vorstellen, wie groß die Anspannung gewesen sein muss, wenn der Abgabeneintreiber des Grundherrn in Niederbühl und Förch auftauchte, denn neben der harten Alltagsarbeit kamen auch Frondienste für den Grundherrn hinzu.
Der Volksprediger Berthold von Regensburg [† 1277] sprach der Landbevölkerung aus der Seele, wenn er zum Thema Ernährung schreibt: [18]
"Ihr habt gelbt so manchen üblen Tag in großer Arbeit spät und früh … und von dem allzusammen wird euch mit Not nur so viel bleiben, dass ihr nicht viel besser esst als eure Schweine.“
![]() | Das Wandbild aus dem 13. Jahrhundert vermittelt einen Eindruck der schweren körperlichen Arbeit. (Künstler unbekannt) |
Fakten zur Lebenssituation von Bauern
Die Zehntherrschaft wurde ursprünglich nur von Klöstern, kirchlichen Stiftungen oder vom Domkapitel ausgeübt. Der Zehnt war u. a. als Abgabe für den örtlichen Pfarrer und die Armen der Gemeinde bestimmt. Bereits im Laufe des Frühmittelalters versuchten auch weltliche Grundherren diese Abgabe einzuziehen. Wollte Bauer Johannes von seinem Grundherrn ein Grundstück käuflich erwerben, so wurde es teuer, denn er konnte den benötigten Kredit nur bei seinem Grundherrn aufnehmen. Für diesen Kredit war eine „saftige“ Gült fällig. [19] Bauer Johannes wurde somit als zinspflichtiger Bauer ein Gültbauer; sein Gläubiger war Gültherr.
Bekannte Redewendung aus dem Mittelalter
Brief und Siegel geben“
Auch früher mussten Dokumente fälschungssicher sein. Um die Echtheit zu gewährleisten, wurden Briefe oder Schriftrollen versiegelt. Heute meint die Redewendung: Das Dokument ist garantiert authentisch.
„Jemanden das Wasser (nicht) reichen können“
Bekanntlich wurde im Mittelalter meist nicht mit Besteck, sondern mit den Fingern gegessen. Um den untersten Anforderungen von Sauberkeit zu entsprechen, wurde in besseren Häusern vor und nach dem Essen eine Schale Wasser gereicht, um den Gästen das Waschen der Finger zu ermöglichen. Derjenige, der das Wasser den Gästen reichen "durfte", war ein Untergebener des Hausherrn. Wenn man also nicht einmal wert genug ist, das Wasser reichen zu dürfen, dann ist man so weit von der sozialen Hierarchie der Gäste entfernt, dass man diesen nicht das Wasser reichen kann.
„Feuer unter dem Hintern machen“
In den Burgen waren nur die wenigsten Räume beheizt. Man wärmte sich u. a. auf einem Sitzfass. Dieses wurde mit erhitzten Steinen gefüllt und so lange wie man darauf saß, hatte man Feuer unterm Hintern.
„Blau machen“
Der Begriff bezieht sich auf die Blaufärberei im Mittelalter. Die Gesellen hatten durch Wartezeiten beim Färbevorgang sehr viel Zeit. Heute wird die Redewendung als "ich arbeite jetzt mal nichts" verwendet. "Blau machen" kann aber auch bedeuten viel zu trinken. Zum Färbevorgang benötigten die Gesellen viel Alkohol; diesen tranken sie heimlich oft auch selbst.
„Jemanden die Suppe versalzen“
Salz war sehr teuer. Nur die Reichsten konnten sich dieses Gewürz leisten. Um bei einem großen Fest zu prahlen, versalzten die Reichen die Suppe. Auch Pfeffer war sehr teuer, so benutzt man heute noch den Ausdruck für zu hohe Preise: „Gepfefferte Preise“.
„Steinreich sein“ – sehr wohlhabend sein
Im Mittelalter waren die meisten Häuser aus Holz gebaut. Nur sehr wohlhabende Menschen konnten sich Häuser aus Stein leisten.
„Einen Zahn zulegen“
Der Ausdruck steht für etwas schneller machen. In mittelalterlichen Küchen waren die Töpfe über dem Feuer mit einem Haken an einer Art eisernen Sägezahn eingehängt. Wollte man, dass der Topf schneller heiß wird, wurde er einfach einen Zahn tiefer eingehängt, es wurde ein Zahn zugelegt.
„Hinz und Kunz machen das“
Bei "Hinz und Kunz" geht es um "Jedermann". Es sind die Kurzformen für Heinrich und Konrad, welche im Mittelalter lange die beliebtesten Namen waren.
„Sich gerädert fühlen“
Das „Rädern“ war eine mit Folter vorausgehende Todesstrafe. Der Verurteilte wurde festgebunden. Dann schlug der Scharfrichter meist mit Stangen oder Äxten von den Unterschenkeln bis hoch zu den Armen immer wieder zu, bis die Knochen zertrümmert waren. Der noch lebende Verurteilte wurde nun mit gebrochenen Gliedern zwischen die Speichen eines Rads geflochten. Dann wurde der geschundene Körper den gaffenden Zuschauern zur Schau gestellt.
Text- und Bildquellen
[1] Werden keine Bildquellen genannt, stammen die Bilder von Wolfgang Braun.
[2] Der Kaiser war bei der Urkundenunterzeichnung sieben Jahre alt.
[3] Diplome Heinrichs IV. Worms 1057, DD HIV Nr. 277, aus: http://www.hist-hh.uni-bamberg.de/studarb/diplwww/Urkundenbeispiele2.htm
[4] Krieger: Topographisches Wörterbuch des Großherzogtums Baden, Heidelberg, 1905, S. 336, Band 2, Heidelberg, 1905, S. 336, Band 2; https://doi.org/10.11588/diglit.2351
[5] Krieger: Topographisches Wörterbuch des Großherzogtums Baden, Heidelberg, 1905, Band 2, S. 336, https://doi.org/10.11588/diglit.2351
[6] Wenn von einem „hohen Alter“ die Rede ist, sei zu bedenken, dass die Lebenserwartung in dieser Zeit zwischen 30 und 35 Jahren lag.
[7] Universitätsbibliothek Heidelberg, Plöck, 107-109, Heidelberg
[8] „Schwabenspiegel“ nach einer Handschrift aus dem Jahr 1287(Bibliotheca rerum historicarum), zitiert nach: www.jstor.org/stable/20740636?seq=1
[10] Das Generallandesarchiv Karlsruhe (37 Nr. 2548) dokumentiert bereits im Jahr 1570 einen Vertrag zwischen Kuppenheim, Niederbühl und Förch über Allmenden, Weideplätze und Maßnahmen zur Erhaltung von Straßen.
[11] Quelle: GLA Karlsruhe, Findbuch 37, 229 bzw. 436
[12] Bildquelle: Thilo Schmidt, Homepage Deutschlandfunkt KULTUR,März 2019;
[13] vgl.: Sebastian Lotzer, „Die 12 Artikel der Bauern“, Bildungsserver BW,
[14] Bildquelle: Der junge Bauer uns seine Frau, A. Dürer (um 1497), Staatliche Kunsthalle Karlsruhe
[15] Bildquelle: Gemälde von Giorgio Albertini, entnommen aus: Stuttgarter Zeitung, 12.03.2020
[16] Kosmografie ist die Wissenschaft von der Beschreibung der Erde und des Weltalls.
Bis zum 17. Jahrhundert wurde der Begriff gleichbedeutend mit Geographie verwendet.
[17] Sebastian Münster: Cosmographey oder beschreibung aller Länder, Herrschafften,
fürnemmsten Stetten, geschichten, gebreüchen und handtierungen etc., Basel 1568, S. 466
[18] Nach: Jan Keupp: „Der Tisch hat manche Herrlichkeit, Tafelfreuden im Mittelalter",
Hist. Seminar Ludwig-Maximilians-Universität München
[19] Gült bedeutet Geld, Zins, Pfand für den vereinbarten Kredit zur Überlassung von Grundstücken.







![Bauernpaar auf dem Röderhof [14]](https://static.wixstatic.com/media/148f28_33b0d77ace404d2ea1ae3a74aea013d1~mv2.png/v1/fill/w_241,h_335,al_c,q_85,enc_avif,quality_auto/148f28_33b0d77ace404d2ea1ae3a74aea013d1~mv2.png)
![Leben in einem einzigen Raum. [15]](https://static.wixstatic.com/media/d70a6b_b0527e99803c4e6bbe4d120459d22f2d~mv2.png/v1/fill/w_381,h_242,al_c,q_85,enc_avif,quality_auto/d70a6b_b0527e99803c4e6bbe4d120459d22f2d~mv2.png)



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